Erzählungen eines Kinogehers

Werner Dütsch, um den es in Christiane Büchners Porträtfilm „Erzählungen eines Kinogehers“ geht, dürfte vor allem Spezialisten bekannt sein, was sich durch diesen Film hoffentlich ändert. Denn Dütsch war eine wichtige Figur für den deutschen Film, der auch für eine vergangene Epoche steht, in der der Film und das Kino noch eine Bedeutung hatte, die inzwischen verloren gegangen ist.

 

Über den Film

Originaltitel

Erzählungen eines Kinogehers

Deutscher Titel

Erzählungen eines Kinogehers

Produktionsland

DEU

Filmdauer

100 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Tobias Büchner

Regisseur

Christiane Büchner

Verleih

Real Fiction

Starttermin

18.06.2026

 

Schon die Bezeichnung Kinogeher mutet ein wenig altmodisch an, aus der Welt gefallen, kaum ein moderner Mensch würde sich so bezeichnen, zumal die große Ära des Kinos vorbei zu sein scheint. Als das Kino noch etwas Besonderes war, als Kinder noch die Pfennige zusammenkratzten, um bewegte Bilder sehen zu können, wuchs Werner Dütsch auf, der 1939 in Düsseldorf geboren wurde und nach dem Krieg erste, prägende Begegnungen mit dem Kino erlebte.

Viele Jahrzehnte später sitzt er an einem Tisch, die Haare längst weiß, der Blick ein wenig trüb, doch die Erinnerungen wach. Nicht allzu lange Zeit vor Dütsch Tod im Jahre 2018 hat Christiane Büchner Dütsch zu längeren Gesprächen getroffen, die nun als spätes Vermächtnis ins Kino kommen. In unprätentiöser Form, fast ausschließlich aus Dütschs Erzählungen bestehend, ab und an hört man Büchner aus dem Off eine Frage stellen, doch selbst Filmausschnitte sind rar. Vielleicht waren die Rechte zu teuer, vielleicht hätten Bilder aus Hollywoodfilmen auch nur den Fokus vom Leben eines Mannes abgelenkt, der meist hinter den Kulissen agierte und von dort das deutsche Kino mitprägte.

Denn Dütsch machte seine Kinobegeisterung zum Beruf, arbeitete ab 1970 als Filmredakteur beim WDR und konnte so das Filmprogramm des Senders in einer Zeit mitbestimmen und mitprägen, als zum einen das Geld locker saß, zum anderen dem Fernsehen eine wichtige Funktion in Sachen Filmbildung zukam.

Bevor Videokassetten und später DVDs ermöglichten, Filme auf Abruf zu Hause anzuschauen, war das Fernsehen gerade in den Orten abseits der größeren Städte, in denen meist Kinematheken die Klassiker der Filmgeschichte zeigten, oft die einzige Möglichkeit, alte Filme zu sehen. Und hier bot gerade der WDR eine kostenlose Filmschule, zumal die Redakteure – neben Dütsch unter anderem Wilfried Reichart oder Georg Alexander – einen ausgezeichneten Filmgeschmack hatten und auch vor den experimentellen, avantgardistischen Seiten des Kinos nicht zurückschreckten.

Doch die Bedeutung des WDRs und seiner Filmredakteure ging weit über das bloße Aussuchen und Zeigen von Filmen hinaus. Mit den finanziellen Möglichkeiten des WDR wurden auch Filme, besonders dokumentarische, produziert und Regisseuren wie Volker Koepp oder dem Ethnologen Michael Oppitz ermöglicht, sich auszuprobieren.

Es war eine andere Zeit, bevor mit dem Beginn des Privatfernsehens, ohne Quotendruck Programm gemacht werden konnte und auch schon mal Hans Jürgen Syberbergs fünfstündiger „Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914–1975“ gezeigt werden konnte, was heutzutage wohl selbst bei arte undenkbar wäre.

In kaum 90 Minuten bildet „Erzählungen eines Kinogehers“ am Ende auch die westdeutsche Filmgeschichte der Nachkriegszeit ab, mitreißend erzählt von einem, der mittendrin stand. Dass diese Phase der Kinogeschichte inzwischen vorbei ist, dass die Magie des Kinos in der früheren Form nicht mehr existiert, muss auch Werner Dütsch konstatieren. Das er dies jedoch ohne Nostalgie tut, stattdessen betont, dass nun etwas Neues begonnen habe, dass nun jüngere Menschen Filme auf andere Weise entdecken und sehen und die Geschichte des Films weiterschreiben, passt zu einem Mann, der sein Leben dem Film verschrieben hat, den er einmal sogar als Lebensmittel beschrieben hat, als essentiellen Teil eines erfüllten Lebens.

 

Michael Meyns

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