Es begab sich aber zu der Zeit

Die Weihnachtsgeschichte zählt seit ihrer Niederschrift im Lukas- und Matthäus-Evangelium zu den zentralen Eckpfeilern unserer christlich-abendländischen Kultur. Die für ihre ungeschönten und realistischen Jugenddramen bekannte Regisseurin Catherine Hardwicke (Thirteen, Lords of Dogtown) versuchte mit dem ihr eigenen unvoreingenommenen Blick, der bekannten Vorlage einige neue spannende Aspekte zu entlocken. Ihr ist dabei ein über weite Strecken angenehm frischer Weihnachtsfilm gelungen, der leider zum Ende hin dann doch auf Nummer sicher geht.

Webseite: www.EsBegabSichAberZuDerZeit.de

OT: The Nativity Story
USA 2006
Regie: Catherine Hardwicke
Drehbuch: Mike Rich
Kamera: Elliot Davis
Musik: Mychael Danna
Schnitt: Robert K. Lambert, Stuart Levy
Darsteller: Keisha Castle-Hughes, Oscar Isaac, Hiam Abbass, Shaun Toub, Ciarán Hinds, Alexander Siddig
Kinostart: 7.12.06
Verleih: Warner

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der – nach christlichem Glauben – Sohn Gottes, der Erlöser der Menschheit, er kommt in einem ärmlichen Stall zur Welt. Umgeben von Schafen, Kühen und Ziegen liegt das Neugeborene in einer mit Stroh gefüllten Krippe. Es sind exakt diese Bilder, die wir, seitdem wir denken können, mit dem Fest in Verbindung bringen. In Catherine Hardwickes Verfilmung steht die christliche Ikonographie ganz am Ende. Da erscheint den Hirten der Erzengel Gabriel, der ihnen die Nachricht von der Geburt Jesu verkündet. Die drei Könige aus dem Morgenland – geleitet von einem hellen Stern über Bethlehem – erweisen dem Jesuskind ihre Ehrerbietung, während Maria und Josef, beseelt von einem unbeschreiblichen Glück, versuchen, die zurückliegenden Strapazen ihrer beschwerlichen Reise zu vergessen.

Und gerade dieser Weg bis in Josefs Geburtsort Bethlehem steht bei Hardwicke im Mittelpunkt. Ihr Film ist sozusagen ein Road Movie über einen bereits 2000 Jahre alten Stoff. Hardwickes Interesse gilt nicht vorrangig den bekannten, weil in unzähligen Formen bereits aufgearbeiteten, Ereignissen der für Christen Heiligen Nacht. Sie und ihr Drehbuchautor Mike Rich beschäftigt vielmehr die Frage, was das für Menschen – Maria und Josef – wohl gewesen sein könnten. Wie sie (über-)lebten, an was sie glaubten, wie ihr Alltag aussah. Die Exposition in Nazareth, Marias Heimatdorf, das die Produktionsdesigner detailgetreu nach historischen Aufzeichnungen im süditalienischen Matera nachbauten, hebt sich in ihrem Naturalismus und Realismus wohltuend von vielen anderen Bibelverfilmungen ab.

Indem der Film Maria (Keisha Castle-Hughes) zunächst nicht als eine christliche Ikone, sondern als eine junge Frau nachzeichnet, die zweifelt, ob die von ihrem Vater (Shaun Toub) arrangierte Ehe mit dem Zimmermann Josef (Oscar Isaac) sie wirklich glücklich machen kann, erhält der Zuschauer abseits aller Bibelpassagen einen ganz anderen Zugang zu ihrem Charakter. In diesen Momenten spürt man deutlich Hardwickes Handschrift, die bereits in dem Jugenddrama Thirteen und dem Skaterfilm Lords of Dogtown vorurteilsfrei von den Schwierigkeiten Heranwachsender erzählte.

Die religiöse, metaphorische Ebene durchbricht erst in den letzten zwanzig Minuten mit der Ankunft in Bethlehem die zuvor erfrischend realistische Inszenierung. Dann jedoch mit aller Vehemenz. Zu sakralen Chören und eingebettet in ein helles, gleißendes Licht kommt es zu der wohl berühmtesten Geburt der Menschheitsgeschichte. Hardwicke wirft jede denkbare Zurückhaltung über Bord, so als gälte es, schließlich doch noch die Erwartungen des Publikums an eine weitaus konventionellere Umsetzung zu erfüllen. Es scheint, dass am Schnittpult „gewaltsam“ zwei Versionen zusammengebracht wurden, die einfach nicht zueinander passen. Es wäre interessant zu erfahren, wie Hardwickes ganz persönliche Interpretation der Heiligen Nacht ausgesehen hätte.

Marcus Wessel