Nach dem Tod ihrer Tochter versucht eine Mutter weiterzuleben, doch Normalität will sich nur schwer einstellen. Sie driftet durch das sommerliche Berlin, später geht es nach Teneriffa, auf einer mysteriösen Suche nach Antworten, gefilmt in magischen Bildern, die Sandra Wollners dritten Film „Everytime“ zusammenhalten, auch wenn die bisweilen etwas zu enigmatische Handlung zum Rätsel wird.
Über den Film
Originaltitel
Everytime
Deutscher Titel
Everytime
Produktionsland
AUT, DEU
Filmdauer
123 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Lixi Frank, David Bohun, Viktoria Stolpe
Regisseur
Sandra Wollner
Verleih
eksystent Filmverleih
Starttermin
06.08.2026
Sommer in Berlin. Am Morgen will Ella (Birgit Minichmaier) mit ihren beiden Töchtern in den Urlaub fahren, mit der kleinen Mellie (Lotte Shirin Keiling) und der fast erwachsenen Jessie (Carla Hüttermann). Diese schleicht sich nachts aus dem Haus und geht mit Lux (Tristán López) feiern, bis in den Morgengrauen, den die beiden Teenager mit halluzinogenen Drogen einläuten, erst im Wald, der magisch und unwirklich wirkt, dann auf einem Hochhaus, im Hintergrund der Fernsehturm, auf der anderen Seite die Sonne, die die Stadt in ein weiches, warmes Licht taucht.
Dann stürzt Jessie vom Dach, ob sie springt oder es ein Unfall war bleibt offen, wie vieles andere in dem dritten Film von Sandra Wollner, der einerseits konventioneller wirkt, als „Das unmögliche Bild“ oder „Vom Nachteil geboren zu sein“, den eindrucksvollen ersten beiden Filmen der österreichischen Regisseurin, aber immer wieder in mysteriöse Bahnen führt, mit Rauschzuständen spielt und fast übernatürliche Ereignisse andeutet.
Nach dem Tod Jessies geht das Leben weiter, am Ende des Sommers kommt Lux von einem Aufenthalt in den USA zurück, holt ein paar Sachen in Ellas Wohnung ab, wirkt unnahbar, doch immer stärker kommt das Schuldgefühl an die Oberfläche, das an ihm nagt. Irgendwann gesteht er Ella, dass er Jessie die Drogen gegeben, dass er nicht richtig aufgepasst hat, doch die Reaktion der Mutter überrascht: Sie will selbst erleben, was ihre Tochter spürte, fühlte, bevor sie starb und nimmt mit Lux Drogen im Wald, begibt sich an Orte, an denen auch Jessie kurz vor ihrem Tod war.
Und schließlich geht es nach Teneriffa, zu Dritt, so wie es ursprünglich geplant war, nur das jetzt Lux statt Jessie dabei ist. In einer Hotelanlage sind die drei dem Wasser ganz nah, dem Ozean von dem Jessie geträumt hat, die zwar eigentlich tot ist, aber immer noch präsent.
Mit ihren ersten beiden Filmen hat sich Sandra Wollner als eine der interessantesten Filmemacherinnen des deutschsprachigen Raums etabliert, ein Ruf, den sie mit „Everytime“ bestätigt und der ihr eine Einladung nach Cannes eingebracht hat, wo ihr Film in der Nebensektion Un Certain Regard gezeigt wurde. Ein besonderer Blick, das trifft auch gut Sandra Wollners Filme, die oft mit wechselnden Bildformaten arbeiten, von der Subjektivität des Blicks erzählen, von der Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, mit der Menschen sich ein Bild nicht unbedingt von der Welt machen, wie sie ist, sondern von der, wie sie sein sollte.
Hier sind es durch halluzinogene Drogen herbeigeführte Rauschzustände, die die Wahrnehmung der Figuren beeinflusst und die scheinbar realen Filmbilder in Frage stellen. Immer wieder verschiebt Wollner dabei die Erzählperspektiven, stellt manchmal Ella in den Mittelpunkt, später Lux, dann Mellie, die nicht zufällig eine Affinität zu Computerspielen hat. Deren Computerpixel füllen oft die Leinwand, zeigen Bilder, wie das Erklimmen eines Berges oder den Weg durch einen Wald, die später durch reale Bilder gespiegelt werden. Was jedoch real ist und was Illusion, was in der Vergangenheit liegt und was in der Gegenwart bleibt dabei immer wieder offen. Viele Interpretationsansätze deuten Wollner an, die ihre auf den ersten Blick klassische Erzählung von der Verarbeitung eines Todesfalls, in mystische, fast übernatürliche Höhen gleiten lässt. War das gesehene nur ein Traum, mag man sich fragen, befinden sich die Figuren in einer Schleife, in der Tod und (Wieder)-geburt verwischen? Am Ende von „Everytime“ bleiben viele Fragen offen, aber das ist nicht das Schlechteste angesichts von allzu vielen Filmen, die vorgeben, genaue Antworten zu kennen.
Michael Meyns







