ExDrummer

Solchen Besuch hat der prominente Autor Dries sicher nicht erwartet, als er die Tür seines schicken Lofts öffnet: Drei abgehalfterte Typen bitten ihn, der neue Drummer in ihrer Band zu werden. Von überheblichem Forschungsdrang getrieben, folgt er den dreien in ihre kaputten Lebenswelten…
Harte Kost aus Flandern. Der kompromisslose und drastische Sozialschocker des belgischen Regisseurs Koen Mortier (1. Platz / Fresh Blood Award / Fantasy Filmfest 2007 Publikumspreis) macht keine Gefangenen und zeichnet basierend auf der Vorlage des umstrittenen Autors Herman Brusselmans das Zerrbild einer von Grund auf degenerierten Gesellschaft, in der alle Opfer und Täter gleichermaßen sind.

Webseite: www.exdrummer.de

Belgien 2007
Regie: Koen Mortier.
Mit Dries Vanhegen, Gunter Lamoot, Sam Louwyck, Norman Baert, Barbara Callewaert, Bernadette Dammann, Sebastian Dewaele, Tristan Versteven u.a.
104 Min. – fläm. OmdU & dt. Fassung
Kinostart: 15.11.2007
Verleih: Legend Films

PRESSESTIMMEN:

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Viel weiß man nicht über den kinematografischen Output unseres Nachbarlandes Belgien und nur wenige Filme erfahren hierzulande eine Auswertung – schon gar nicht im Kino. Aktuell fallen einem da die Filme der Gebrüder Dardenne (L’ enfant – Das Kind) ein, der eine oder andere Filmkundige mag sich noch an den Flamen Harry Kümel (Blut an den Lippen) erinnern, der Mitte der 70er-Jahre den magischen Realismus geprägt hat, und der Erfolg des bösartigen Meisterwerks „Mann beißt Hund“ von Benoit Poelvoorde und Rémy Belvaux ist nun auch schon 15 Jahre her. Mit letzterem wird EX-DRUMMER gerne verglichen, doch wirklich gerecht wird ihm das nicht, denn was Filmemacher Koen Mortier in seinem ersten Spielfilm geschaffen hat, ist sowohl inhaltlich als auch formal eigenständig. 

Laut und wütend wird hier alles kurz und klein gedroschen. Da ist der arrogante Autor, der es zu was gebracht hat, und sich immer tiefer in für ihn niedere Gefilde begibt, um Material für seine Geschichten zu bekommen. Als ihm selbst das nicht mehr genügt, nutzt er seine intellektuelle Überlegenheit gegenüber den Gehandicapten, mit denen er es zu tun hat. Doch deren Verhalten ist kaum besser. Ein steifarmiger Bassist lässt zu, dass sein Vater von der glatzköpfigen Mama mit der Zwangsjacke am Bett gefesselt wird. Ein tauber Gitarrist gibt seinem Baby auch schon mal Drogen, damit es aufhört zu schreien und der Sänger der Band ist ein übler Skinhead, hat einen Sprachfehler und großen Spaß daran Frauen wahllos zu verprügeln. Zusammen sind sie dann die Band „The Feminists“ und treten auf dem Festival von Laffinge auf, bevor sich alles in einem Akt surrealer Brutalität entlädt.

Destruktion hat nicht nur mit Zerstörung zu tun, sondern ist auch ein Gestaltungselement und dies steht bei EX-DRUMMER im Sinne der Kritik und des Erkenntnisgewinns, gerade hinsichtlich bestehender Wertesysteme und gesellschaftlicher Strukturen. So zeigen gerade die formalen Extravaganzen, wie die gekonnt inszenierte rückwärtslaufende Titelsequenz oder Aufnahmen in einem umgedrehten Set eine im wahrsten Sinne des Bildes auf den Kopf gestellte Welt. Die intensiven Leistungen der Darsteller und ein  Soundtrack, der mit der Coverversion von DEVOs „Mongoloid“, Nummern von Lightning Bolt und weiteren Acts aus der flämischen Punkszene aufwartet, schaffen eine Atmosphäre der absoluten Verderbtheit. Doch das gerät trotz des hohen Gehalts an graphischen Sex- und Gewaltdarstellungen nie zum Selbstzweck und schon gar nicht zur schnöden Unterhaltung. Denn dafür ist EX-DRUMMER so vergnüglich wie ein Faustschlag ins Gesicht. Der Zuschauer wird heilsam attackiert und das glückliche Dasein in einer Welt des Schreckens entlarvt.

 

Eric Horst