Ebenso lustvoll wie gelungen mäandert „Fabula“ zwischen Märchen, Groteske, Horrorfilm und schwarzhumoriger Gesellschaftssatire. Wer Freude an schrägen Figuren, erzählerischen Brüchen und bösem Witz hat, wird den Film sehr genießen. Aber Vorsicht: Die merkwürdige Geschichte über einen kleinkriminellen Loser in der deutsch-niederländischen Grenzregion ist keine leichte Kost und nichts für zartbesaitete Gemüter.
Regisseur Michiel ten Horn inszeniert ein ebenso verspieltes wie verstörendes Kinoerlebnis, das mit abgründigem Humor und zudem mit sehr guten darstellerischen Leistungen überzeugt.
Über den Film
Originaltitel
Fabula
Deutscher Titel
Fabula
Produktionsland
NED, BEL, DEU
Filmdauer
125 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
ten Horn, Michiel
Verleih
Real Fiction
Starttermin
08.01.2026
Im Mittelpunkt steht der Betrüger Jos aus dem Limburger Land, eine ländliche Grenzregion in den Niederlanden, die vor allem eines ist: nass. Hier scheint es die weltweit größte Dichte von Morast, Sümpfen und Mooren zu geben, zwischen denen nur wenige Menschen leben bzw. dahinvegetieren, die dem Dauerregen und der feuchten Erde ihre miese Laune zu verdanken scheinen. Zu ihnen gehört auch Jos, der zu Beginn von einer Art Zecke gestochen wird, die sich im Übrigen als allwissende Ich-Erzählerin präsentiert und die mehr oder weniger tragische Geschichte von Jos in 6 Kapiteln plus Prolog und Epilog in nur scheinbar klassischer Form erzählt.
Das hört sich nicht nur schwer originell an, sondern ist es auch tatsächlich. Jos, grandios gespielt von Fedja van Huêt, ist ein Kleingangster, der mit Brille und Schnauzbart eher wie ein Old School-Finanzbeamter aussieht und es nicht mal als Verbrecher zu was gebracht hat. Er ist um die 50, unglücklich verheiratet und hat eine erwachsene Tochter, die mit Jos‘ Komplizen Özgür zusammen ist. Özgür ist ein bisschen dämlich und aufgrund seiner Offenheit und einer gewissen grundsätzlichen Freundlichkeit für den Ganovenjob eher weniger geeignet. Gemeinsam träumen Jos und Özgür vom großen Coup, aber da gibt es auch noch Jos‘ dementen, buckligen Vater, der ständig mit einer Schaufel herumläuft, weil er einen alten römischen Helm wiederfinden will, der im Familienbesitz sein soll. Und schließlich müssen sie auch noch Hendryk finden, Jos‘ heroinsüchtigen, vollkommen heruntergekommenen Bruder, den der wunderbare Georg Friedrich auf Flämisch mit einem leichten österreichischen Zungenschlag spielt.
„Es heißt, manche Menschen werden für das Unglück geboren.“ Schon der erste Satz des Films öffnet die Tür in eine Geschichte, die kaum auf ein Happy End hoffen lässt. Was als ziemlich schräge Komödie mit vielen Gags beginnt – an Jos‘ Auto öffnet sich wie von Zauberhand immer wieder dieselbe Tür – entwickelt sich zunehmend zu einer makabren Parabel über Macht, Ohnmacht und Moral, unterfüttert von Märchen, Mythen und Storys aus dem Limburger Land. Manche der originellen Typen, darunter ein vergammelter Karnevalsprinz und ein niederländisch-türkischer Drogenboss, der wie Marlon Brando in „Der Pate“ spricht, erinnern an frühe Coen-Filme oder an Tarantino, auf jeden Fall aber, schon rein stimmungsmäßig, an Anders Thomas Jensen und seinen neuesten Film „Therapie für Wikinger“. Auch hier in den Niederlanden geht es rau und düster zu, die vorherrschende Lichtstimmung ist so wie das Leben der Hauptfigur: düster. Fedja van Huêt gibt Jos eine Mischung aus stoischer Leere und latenter Aggression, die ihn wenig sympathisch macht, aber dafür bemitleidenswert in seiner unterdrückten Aggression. Viele Nebenfiguren wirken wie Typen aus einem düsteren Bilderbuch, präzise und mit bitterem Witz gezeichnet. Ten Horn interessiert sich weniger für psychologische Ausleuchtung als für archetypische Konstellationen: Täter und Opfer sind hier keine klar getrennten Rollen, und Moral ist hier offensichtlich ganz aus der Mode gekommen. In dieser Landschaft, die Lennert Hillege in ungeschönten, weitgehend tristen Bildern festhält, scheint es nichts Schönes zu geben.
„Fabula“ ist kein Film, der sich auf bewährte Mittel verlässt, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Er fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf eine groteske, boshafte und finstere Geschichte einzulassen. Gerade darin liegt jedoch seine Stärke: Michiel ten Horn ist ein eigenwilliger, mutiger Film gelungen, der trotz zahlreicher Zitate und Anspielungen etwas sehr Eigenes, Unmittelbares mitbringt – einen eigenen Stil, der sich zwar einer klaren Genre-Einordnung entzieht, aber sehr expressiv und direkt wirkt.







