Fjord

Zum ersten Mal hat der rumänische Regisseur Cristian Mungiu einen Film außerhalb seiner Heimat realisiert, doch sein in Norwegen, teils auf englisch, teils auf rumänischen gedrehter „Fjord“ ist durch und durch ein Film der nun nicht mehr ganz neuen rumänischen Welle: Moralische Fragen werden auf komplexe Weise verhandelt, die Welt ist grau und nicht schwarz oder weiß und die Figuren vielschichtig. Einer der besten Filme des diesjährigen Wettbewerbs in Cannes, der am Ende auch verdient mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

 

Über den Film

Originaltitel

Fjord

Deutscher Titel

Fjord

Produktionsland

RO, NO, FR, FI, DK, SE, US

Filmdauer

146 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Tudor Reu, Cristian Mungiu, Andrea Berentsen Ottmar

Regisseur

Cristian Mungiu

Verleih

Alamode Filmdistribution oHG

Starttermin

01.01.1972

 

Nach dem Tod seiner Eltern, aber auch der Arbeit wegen, zieht der Rumäne Gheorghiu (Sebastian Stan) zusammen mit seiner aus Norwegen stammenden Frau Lisbet (Renate Reinsve) und den fünf Kinder nach Norwegen, wo die Familie ein Holzhaus am Rand einer Kleinstadt bezieht, die abgelegen in einem Fjord liegt.

Schnell werden sie Teil der Gemeinschaft, jeder kennt hier jeden, sagt eine Nachbarin, was auch wie eine Drohung klingt. Die beiden Teenagerkinder Elia (Vanessa Ceban) and Emmanuel (Jonathan Ciprian Breazu) gehen in die Schule, wo sie schnell Noora kennenlernen, die Tochter des Schuldirektors Mats (Markus Scarth Tønseth) und sich mit ihr anfreunden. Auch die Kirchengemeinde nimmt die Familie gerne auf, denn der Glaube der Familie prägt ihr Leben, täglich wird in der Bibel gelesen, den Kindern sind Handys verboten, aber auch so scheinbar selbstverständliche Dinge wie Tanzen.

Als die Sportlehrerin an Elias Hals blaue Flecken entdeckt, wird sie aufmerksam und schaltet den Kinderschutz der Schule ein. Und da Norwegen besonders starke Gesetze hat, um Kinder zu schützen, fällt schnell die Entscheidung, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen, bis eine Untersuchung die Schuldfrage geklärt hat.

Die norwegischen Gesetze zum Kinderschutz zählen zu den schärften der Welt, die Rechte der entsprechenden staatlichen Organisation sind enorm, schon beim kleinsten Verdacht können Kinder von ihren Eltern getrennt, der Kontakt verhindert werden, um Einflussnahme zu unterbinden. All das geschieht zum Wohl der Kinder, wie auch in „Fjord“ immer wieder gesagt wird, gut so, mag man denken, Kinder vor aggressiven Eltern zu schützen kann ja nicht falsch sein, oder? Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die norwegischen Behörden schon einige Male vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verurteilt wurden: Wegen Menschenrechtsverletzungen von Kindern, die ohne ausreichende Belege von ihren Eltern getrennt wurden.

Und wenn man in den ersten rund 80 Minuten von Cristian Munguis Drama mit ansehen muss, wie einer offensichtlich heilen Familie Unrecht angetan wird, wie die Beamten der Kinderschutzbehörde mit größer Selbstüberschätzung davon ausgehen, das Richtige zu tun, kann man dieses System nur verurteilen. Doch so leicht macht es Mungui dem Zuschauer nicht, so klar und eindeutig kann die Welt in einem rumänischen Film nicht sein, dass haben die Filme der neuen rumänischen Welle in den letzten Jahren ein uns andere Mal bewiesen.

Zunehmend verschiebt sich der Fokus des Films, geht es um die Weltanschauung der Eltern, um rumänische Traditionen, vor allem aber um ihre Religion. Zwar stehen auch in der norwegischen Stadt Kirchen, doch grundsätzlich besteht eine strenge Trennung von Staat und Religion. Selbst als Lisbet in dem Pflegeheim, in dem sie arbeitet, einem Patienten ein Kreuz gibt, wird das schon problematisiert und fast als Versuch der Missionierung betrachtet.

Nicht das die Familie aus religiösen Fanatikern besteht, doch in der zunehmend säkularisierten westlichen Welt, mag es seltsam anmuten, wenn eine Familie täglich in der Bibel liest und den Teenager-Kindern scheinbar normale Dinge wie youtube, soziale Medien und Handys verbietet. Aber ist es nicht das Recht aller Eltern, ihre Kinder so zu erziehen, wie sie es für richtig halten, solange dabei das Wohl der Kinder nicht gefährdet ist? Wie weit soll oder darf der kontrollierende Arm des Staates in den privaten Bereich einer Familie hineinreichen? In der zweiten Hälfte des Films umkreist Mungui diese Fragen und stellt bis dahin scheinbar eindeutige Haltungen in Frage und verkompliziert dadurch den Blick auf auf die anfangs so durch und durch sympathische Familie.

Wie weit geht die Toleranz einer Gesellschaft fragt „Fjord“ am Ende, welche Wertvorstellungen, die nicht kriminell sind, sondern in einer progressiven wie der norwegischen, kann man, muss man, soll man tolerieren? Klare Antworten kann es auf diese Frage kaum geben und so endet auch Cristian Munguis herausragendes Drama „Fjord“ mit einem ambivalenten Ende, das noch lange nachhallt.

 

Michael Meyns

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