Flieg steil

Das Berliner Indie-Drama „Flieg steil“ erzählt von zwei Menschen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite steht eine Neonazi-Feministin, die mit ihrer Queerness aneckt. Auf der anderen Seite ein anarchistischer Krawall-Punk, der einen Angriff auf eine rechte Kneipe plant. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Verbindung. „Flieg steil“ ist kompromisslos-exzentrisches, unangepasstes Underground-Kino, das sich einer klaren Gut-Böse-Zuschreibung verweigert.

 

Über den Film

Originaltitel

Flieg steil

Deutscher Titel

Flieg steil

Produktionsland

DEU

Filmdauer

86 min

Produktionsjahr

2024

Regisseur

Martina Schöne-Radunski

Verleih

UCM.ONE GmbH

Starttermin

06.08.2026

 

Rudi (Alexander Merbeth) und Konnie (Ceci Chuh) sind zwei Außenseiter an unterschiedlichen Rändern. Der Alt-Punk will durch die Zerstörung einer Berliner Nazikneipe Unsterblichkeit in seiner Szene erlangen, verstößt während der Vorbereitungen aber die letzten ihm nahestehenden Menschen. Darunter sein Sohn August. Konnie ist eine Nazi-Rockmusikerin, die keinen Hehl aus ihren Überzeugungen macht. Doch seit sie in ihre Musik Bezüge zu Body Positivity und LGBTQ-Themen einbaut, stehen ihr viele Gleichgesinnte feindselig gegenüber. In ihrer Stamm-Kneipe zerstört sie mit ihren feministischen Parolen allmählich ihren Ruf.

„Flieg steil“ erzählt auf provokative, bewusst ungestüme und ruppige Art von Entfremdung, Opportunismus und Identität. Das Debüt der beiden Filmemacherinnen Martina Schöne-Radunski und Lana Cooper handelt nur vordergründig und scheinbar von Politik, tatsächlich geht es um den Wunsch nach Selbstfindung und (sozialer) Zugehörigkeit. Genau danach sehnen sich Konnie und Rudi, die trotz aller radikaler Unterschiede in ihrer Sehnsucht nach Akzeptanz und Anerkennung geeint sind.

Sie sind zwei komplexe, vielschichtige Hauptfiguren, die einem so nicht alle Tage begegnen. Denn „klassische“ Sympathieträger und Identifikationsfiguren sind sie keine. Weshalb es durchaus herausfordernd ist, sich in ihre Gedankenwelten hineinzuversetzen, Verständnis für ihre Handlungsweisen zu entwickeln und mit ihnen zu fühlen. Schöne-Radunski und Cooper zeichnen sie nonkonformistisch und gegen den Strich. Und es ist erfrischend, hier einmal zwei Protagonisten kennenzulernen, die als Reizfiguren anecken – und letztlich als Projektionsfläche für unser soziokulturelles Leben dienen.

Konnie, Rudi und ihre jeweiligen Milieus stehen, zumindest in Teilen, stellvertretend für die Radikalisierung und zunehmende Spaltung in unserer Gesellschaft. Sie verharren meist in ihren starren Auffassungen und sind unempfänglich für die Ansichten anderer. Der Punk und die Nazi-Rockerin changieren dabei zwischen tiefer Selbstablehnung und wirklichkeitsfremder Selbstüberschätzung. Alexander Merbeth und Ceci Chuh sind stark in ihren Rollen, die sie intensiv und ungekünstelt zum Leben erwecken.

Am spannendsten ist die Widersprüchlichkeit Konnies. Einerseits scheint sie sich stark mit den neonazistischen Werten und der völkisch-nationalistischen Ideologie der Szene zu identifizieren. Andererseits bringt sie feministische Ansichten, Sex-Positivität und Queer-Aktivismus in den rechtsextremen Raum – eine explosive Gemengelage, von der ein großer Reiz ausgeht. Daneben arbeitet sie als Telefonistin für den Berliner Krisendienst. Eine soziale Ader scheint sie folglich ebenso zu haben. Dennoch ist sie in ihrer Wortwahl aggressiv und polarisierend, da sie Sätze wie „Die Zukunft des Nationalsozialismus ist weiblich“ vom Stapel lässt.

Eine gewisse Aggressivität und kompromisslose Tonalität prägen den gesamten Film. Der Fatalismus und die Anspannung der Charaktere, allen voran von Rudi, spiegeln sich gleichsam in der Bildsprache und der gesamten musikalischen Untermalung. Der Soundtrack treibt die Story und die innere Zerrissenheit der Handelnden unmittelbar voran. Roher, harter Rechtsrock wechselt sich mit hämmernden EBM-Beats und atmosphärischen Elektroklängen ab. Der (nervöse) Handkamera-Inszenierungsstil passt sich dem wunderbar an. Am Ende steht ein forderndes und rohes aber ebenso mutiges, nachhaltiges Underground-Drama für ein interessiertes Arthouse-Publikum.

 

Björn Schneider

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