Flug 93

Keine fünf Jahre nach den Anschlägen vom elften September beginnt Hollywood mit der fiktionalen Aufarbeitung jenes Tages. Während Oliver Stones im Sommer startender Film World Trade Center ein dezidierter Spielfilm sein wird, zeichnet der britische Regisseur Paul Greengras in seinem Dokudrama penibel das Schicksal des Flugs 93 nach, der als einziger der vier entführten Flugzeuge sein Ziel nicht erreichte. Das Ergebnis ist ein bemerkenswert intensiver Film, der die Ohnmacht Amerikas im Angesicht der Katastrophe beängstigend deutlich macht.

Webseite: www.flug93-film.de

United 93
USA 2006
Regie: Paul Greengrass
Buch: Paul Greengrass
Kamera: Barry Akroyd
Schnitt: Clare Douglas, Christopher Rouse, Richard Pearson
Musik: John Powell
Darsteller: Christian Adams, Lorraine G. Bay, Todd Beamer, Alan Anthony Beaven, Mark Bingham
111 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Kinostart 1. Juni 2006
Verleih: UIP

PRESSESTIMMEN:

 

Intensiv und schonungslos: Der Brite Paul Greengrass hat den ersten Kinofilm zum Attentat am 11. September 2001 gedreht. Eine anti-heroische, zutiefst bewegende Tragödie.
ARD

Ein atemberaubendes Dokudrama…   „Flug 93“ ist keine Katastrophenschocker, Action-Thriller oder Heldenepos, kein tränenreiches „Titanic“-Spektakel der Lüfte, bei dem Menschen im Angesicht des Todes die Liebe oder dergleichen sentimentale Regungen entdecken. Vor allem die kühle Distanz macht Greengrass’ Film, der mit dem hintersinnigen Originaltitel „United 93“ in den USA bereits anlief und in dieser Woche in Deutschland startet, zu einem außergewöhnlichen cineastischen Ereignis.
Tagesspiegel Berlin

Während am 11. September 2001 zwei Passagierflugzeuge das World Trade Center zerstören und eine dritte Maschine ins Pentagon rast, stürzt ein viertes gekapertes Flugzeug mit Kurs auf Washington über freiem Feld in Pennsylvania ab, nachdem die Passagiere Widerstand geleistet haben. Der Film enthält sich jeder Heroisierung und unternimmt keine Rekonstruktion der Ereignisse, konzentriert sich vielmehr auf eine dokumentarische Perspektive, die eine in Fragmente zersplitterte Wirklichkeit zeigt. Ein filmisches Mahnmal, das dank seiner moralischen Enthaltsamkeit eine Projektionsfläche für die trauernde amerikanische Nation bietet. – Sehenswert.
film-dienst

Geradlinig und hoch emotional – Paul Greengrass ist es gelungen, den Eindruck von unfassbarem Grauen zu vermitteln, und das ohne Pathos. Ein schnörkelloses und umso intensiveres Meisterwerk, das lange nachwirkt.
Cinema

FILMKRITIK:

Kaum eine Viertelstunde braucht der Film, bis die Türen von United Airlines Flug 93 sich schließen. Bis dahin hat man nicht die aus typischen Katastrophenfilmen bekannten Momente gesehen, in denen Passagiere als bestimmte Typen charakterisiert werden, sondern einfach nur Menschen beobachtet, die in der Wartehalle sitzen. Dass einzig Auffällige ist die Omnipräsenz von Mobiltelefonen, die für die Rekonstruktion der Geschehnisse an Bord von entscheidender Bedeutung waren. Als Darsteller der Passagiere und Attentäter wählte Greengrass ausschließlich unbekannte Schauspieler, eine weise Entscheidung, wie sich zeigen wird.

In den diversen Flugkontrollzentren dagegen, in die immer wieder geschnitten wird, agieren größtenteils die Personen, die auch am elften September Dienst hatten, die Entwicklung der Katastrophe also an erster Hand erlebten. Für diese Szenen konnte Greengrass nahezu komplett auf Gesprächsprotokolle zurückgreifen, während die Geschehnisse an Bord zwangsläufig ein gewisses Maß an mehr oder weniger qualifiziertem Vermuten sind. Doch egal ob der Anführer der Attentäter nun tatsächlich ein Foto des Capitols, dem Sitz des amerikanischen Parlaments, auf seinen Steuerknüppel geklebt hatte, ob sich die Gespräche der Passagiere genau so zugetragen haben, ob die gemeinsame Aktion der Passagiere, die wohl zum Absturz der Maschine geführt hat, wirklich in genau dieser Form stattgefunden hat; entscheidend für den Film ist, dass es sich mehr als überzeugend anfühlt.

Die Frage, ob dieser Film notwendig ist, ob er zu früh kommt, ob er wirklich die „Wahrheit“ zeigt, verblasst hinter der Intensität des Gezeigten. Wenn man kurz vor Ende sieht, wie einzelne Passagiere ihre Angehörigen anrufen, um sich zu verabschieden, kann man nicht anders als berührt sein, wird der Schock, den der elfte September für Amerika bedeutete unmittelbar nachvollziehbar.

Dass der Film dennoch in keiner Weise zum Anheizen von Volkes Stimme taugt, dass er dieses singuläre Ereignis nicht als Propaganda-Mittel missbraucht, kann man Greengrass nicht hoch genug anrechen. Selbst der zum fragwürdigen Credo gewordene Satz „Lets roll“ ist hier kein hervorgehobener Moment, sondern geht in der Hektik fast unter. Nur ein offensichtlich deutschstämmiger Passagier deutet an, wie schlecht dieser Film hätte werden können. In dieser Figur, die als einziger Passagier darauf pocht, nicht zu agieren, darauf zu warten, dass man gerettet wird, zeigt sich die simplistische Unterscheidung in „wir“ und „sie“, die nach dem elften September in der amerikanischen Regierung und Öffentlichkeit dominierte. Doch dies ist der einzige schwache Moment in einem Film, den manch notorischer Antiamerikaner sicherlich zum Vorwand nehmen wird, um vom Versagen der Institution, der Sicherheitsdienste zu reden.

Angesichts der Unvorstellbarkeit der Ereignisse des elften Septembers fällt es schwer, vom Versagen oder Chaos zu sprechen. Viel eher zeigt der Film die Schockstarre, in die Amerika verfiel, die Machtlosigkeit, mit der man verfolgte, wie ein Flugzeug nach dem anderen entführt wurde – allein das ein Ereignis, dass im amerikanischen Luftraum seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen war – und in die Symbole der Nation gejagt wurden.

 

 

Michael Meyns