freie Wille, Der

„Dieser Film ist ein Monstrum“- Jürgen Vogel, Hauptdarsteller, Produzent und Co-Autor von „Der freie Wille“ feiert mit diesem Monstrum einen der größten Erfolge seiner Karriere: In Berlin gewann er den silbernen Bären, in New York ehrte ihn das Tribeca Film Festival als besten Darsteller. In einem schauspielerischen Kraftakt hat Jürgen Vogel sich in einen Vergewaltiger hinein versetzt, der nach neun Jahren Maßregelvollzug in Freiheit kommt und versucht, seine inneren Dämonen zu vertreiben.

Webseite: www.derfreiewille.de

Deutschland 2006
Regie: Matthias Glasner
Buch: Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen Vogel
Länge: 163 Min.
Darsteller: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, André Hennicke, Manfred Zapatka
Kamera: Matthias Glasner
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 24.8.2006

Ausgezeichnet mit dem Berlinale-Preis 2006 der AG Kino/Gilde-Jury

Zusammengesetzt aus Adrian Kutter, Matthias Hellwig und Thomas Engel vergab die
AG Kino/Gilde-Jury bei der diesjährigen Berlinale ihren Preis an
"Der freie Wille" von Matthias Glasner
Zur Begründung:
In  einem quälenden Prozess versucht ein brutaler Triebkranker zuerst durch Therapie und Haft, dann durch ein möglichst normales Leben sein dunkles Schicksal zu überwinden. Unterstützt wird er dabei durch die langsam heranwachsende Liebe einer jungen Frau, die sich selbst aus einer unglückseligen Vaterbindung zu lösen hatte. Der Kranke verliert den Kampf, er kann seinen gefährlichen Trieb nicht besiegen. Aus „freiem Willen“ geht er in den Tod. Psychologisch und rhythmisch stimmiges, depressives, aber wahrhaftiges Lebensbild, von Jürgen Vogel und Sabine Timoteo herausragend gespielt.

PRESSESTIMMEN:

Ein ausführliches INTERVIEW mit JÜRGEN VOGEL führte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 21.8.06. Das Interview hier…

Ein bewegendes Drama.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Ein Monstrum weicht von der Norm ab und ist von schrecklicher Gestalt. Eine treffende Beschreibung  sowohl für den Film als auch für seine Hauptfigur. „Der freie Wille“ dauert länger als die Kinokonsum-Norm es erlaubt, er erzwingt die Auseinandersetzung mit einem Tabu und zieht uns mit ungeheurer Kraft  in die Welt eines Gewalttäters, die wir so im deutschen Kino noch nicht gesehen haben.

Theo ist ein brutaler, kranker Mann. Daran lässt der Film von Anfang an keinen Zweifel, denn er steigt mit den Szenen ein, die es ausschließen, den Täter jemals als Opfer zu bemitleiden:  Theo  wirft eine Frau vom Rad, zerrt sie in die Dünen, schlägt sie halbtot und vergeht sich an ihr. Nach neun Jahren wird er aus dem Maßregelvollzug entlassen, gilt als geheilt und soll sich in die Gesellschaft integrieren. Ein Job als Drucker, ein Zimmer in einer betreuten WG, einsame Abendessen in der Pizzeria. Frauen weicht Theo eher aus, um sich und sie zu schützen, denn er spürt, dass die Dämonen wieder wüten könnten. Kann so ein Mensch wie Theo durch Liebe geheilt werden? Die Hoffnung keimt auf, als er Nettie kennen lernt und sie sich in ihn verliebt, obwohl sie seine Dunkelheit spürt.

Vergewaltiger sind in unserer Alltagswelt sehr beliebt: Als umsatzsteigernde Ungeheuer in zutiefst zynischer, doppelzüngiger Boulevardpresse. Mit dieser Form des  perversen Voyeurismus hat „Der freie Wille“ nichts zu tun. Er schlachtet nicht aus, gibt keinen Standpunkt vor, sondern stellt Fragen über Schuld, Macht, Aggression, männliche Dominanz und unsere übersexualisierte Welt.

Wenn Theo an der Haltestelle sitzt und die Kamera von ihm zu einem Werbeplakat mit nackter Frau schwenkt und dann weiter zu einer Frau, die arglos auf die Bahn wartet und nicht ahnt, dass neben ihr ein Sexualverbrecher sitzt, dann versinnbildlicht das nicht nur Theos Dilemma, sondern auch eines unserer Gesellschaft.

Für Jürgen Vogel waren die Dreharbeiten zermürbend – auch weil sie eine Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit bedeutet haben. „Theo ist so wie Matthias (Glasner)  und ich – nur ohne Gehirn, also ohne Gehirn, das dich von bestimmten Sachen auch zurückhält.“

So erstaunlich die Leistung von Jürgen Vogel bei diesem Projekt ist, auch Matthias Glasner („Sexy Sadie“) gebührt viel Anerkennung für seine Regie, die das Unmögliche ermöglicht: Er dosiert die Bilder von Gewalt genau richtig, er zeigt, was er zeigen muss, aber nicht mehr. Er verkneift sich jede visuelle Spielerei, sucht nicht nach dem Schönen im Hässlichen und zeigt Haltung, ohne die Zuschauer zu gängeln.

Natürlich sorgt „Der freie Wille“ für Diskussionen, fast schon Streit. Wozu sich in den Kopf eines kranken Vergewaltigers hineinversetzen, wozu ihn über zwei Stunden lang begleiten? Die Antwort kann jeder für sich finden; es gibt Filme, die formen sich erst nach dem Kinobesuch im Kopf des Betrachters fertig –  zu einem ganz eigenen Gebäude aus Gedanken und Gefühlen. „Der freie Wille“ ist so ein Film. Er gibt Anstöße.

Sandra Vogell