Fuer den unbekannten Hund

Mit ihrem Debüt „Oi! Warning“ sorgten Dominik und Benjamin Reding vor sieben Jahren für gehöriges Aufsehen. Jetzt kehren die Zwillingsbrüder mit einem Drama über zünftige Wandergesellen ins Kino zurück. Im Zentrum steht ein junger Mörder, der auf der Walz die eigene Schuld verdrängen will. Doch die Schatten der Vergangenheit holen ihn bald wieder ein. Verstörende Bilder und mittelalterliche Klänge kennzeichnen einen intensiven Film, in dem der Rapper Sascha Reimann (alias Ferris MC) in seiner ersten Kinorolle zu sehen ist.

Webseite: www.fuerdenunbekanntenhund.de

Deutschland 2007
Regie: Dominik Reding, Benjamin Reding
Drehbuch: Dominik Reding, Benjamin Reding
Darsteller: Lukas Steltner, Sascha Reimann (Ferris MC), Zarah Mampell-Löwenthal, Puja Behboud
Verleih: Senator
Länge: 107 Min.
Kinostart: 08.11.2007

PRESSESTIMMEN:

Bildgewaltiges, pulsierend-leidenschaftliches Kino um Gewalt, Schuld und Reue, das durch sein Gespür für subkulturelle, anti-bürgerliche Lebensformen ebenso fasziniert wie durch seine auf starke Kontraste setzende, expressive Inszenierung und mitreißende Darstellerleistungen. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Bis zur beginnenden Industrialisierung waren die Wanderjahre für einen Gesellen die Grundvoraussetzung, um die Meisterprüfung zu beginnen. Ohne Hab und Gut musste er mehrere Jahre durchs Land ziehen und für einen Tageslohn in Form von Unterkunft und Verpflegung seinem Handwerk nachgehen. Heute sind nur noch wenige hundert Gesellen freiwillig auf der Walz.

In „Für den unbekannten Hund“ lassen die filmenden Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding die altertümliche Tradition der Tippelei neu aufleben. Sie begleiten in ihrem Drama ein paar wackere Gesellen und schildern die unterschiedlichsten Beweggründe für die freiwillige Wanderschaft. Manche tippeln aus Spaß am Abenteuer, andere sind vielmehr auf der verzweifelten Suche nach einem Lebenssinn.

Auf den 20-jährigen Betonbauer Bastian (Lukas Steltner) trifft beides nicht zu. Er nutzt die Walz, um unterzutauchen. Vor wenigen Monaten hat er aus einer böswilligen Laune heraus einen Mord begangen. Die Polizei hat den Fall zwar schnell als Unfall zu den Akten gelegt, doch ein Kumpel kennt den wahren Tathergang. Und nun wird Bastian von ihm erpresst. Aus diesem Grund schließt er sich etwas überstürzt dem Wandergesellen Festus (Sascha Reimann) an, um der eigenen Verantwortung zu entfliehen. Doch die Vergangenheit holt Bastian sehr bald stärker ein, als es ihm lieb ist.

Mit ihrem Spielfilmdebüt „Oi! Warning“ sorgten Dominik und Benjamin Reding vor sieben Jahren für Aufsehen. Nicht zuletzt wegen seiner offenen Aggressivität wurde das ungetrübte Skinheaddrama seinerzeit kontrovers aufgenommen. Ihr zweiter Film „Für den unbekannten Hund“ wird kaum für ein ähnliches Reizklima sorgen. Und doch schließen die Brüder zumindest in puncto Ästhetik an ihren Erstling nahtlos an. Wieder ist eine gewisse Aggressivität zu spüren und die Bilder wirken erneut wie ausgewaschen. Nur ein paar knallige Elemente in neonleuchtenden Farben durchbrechen diesmal die optische Tristesse.

Die Strapazen der Wandergesellen kann der Zuschauer bei dieser trüben Optik förmlich nachempfinden. Im andauernden Nieselregen marschieren die Tippelbrüder qualvoll über Stock und Stein. Gerade dem Festus-Darsteller Sascha Reimann, in der Musikszene besser bekannt als Ferris MC, sind die Schindereien deutlich anzumerken. Tiefe Furchen und dunkle Augenringe durchziehen sein ohnehin markantes Gesicht. „Filme drehen ist anstrengender als Musik machen“, konstatierte der Rapper nach Abschluss der Dreharbeiten.

Die Anstrengungen der Tippelei stehen dann auch im Vordergrund des Dramas. Die Stimmung schwankt dabei zwischen romantischer Verklärung und ernüchternder Realität. Der Mord bildet hingegen nur einen Rahmen, um in die Handlung einzusteigen. Den Film kennzeichnet bei alldem eine surreale, beinahe märchenhafte Atmosphäre. Alles erscheint ein wenig entrückt, verträumt und mittelalterlich: die Sprache der Wanderburschen, ihre traditionellen Werte und auch die Hintergrundmusik, die nur in ein paar schnell geschnittenen Zwischenszenen durch hämmernde Beats abgelöst wird.

Vier Jahre arbeiteten die Redings an ihrem zünftigen Werk über die Walz. Entstanden ist eine reizvolle Hommage an die Wanderjahre, ohne die Gegenwart zu beschönigen. Interessant ist daneben das Marketing. So lässt sich die erste Szene in voller Länge auf dem Filmportal YouTube herunterladen. Die wuchtige Bildsprache des Dramas lässt sich hierbei bereits eindrucksvoll erahnen.

Oliver Zimmermann

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Anfang des Jahrzehnts traten die Reding-Brüder mit dem Film „OI!Warning“ an die Öffentlichkeit, der zumindest für eine gewisse Zeit zum Kultfilm avancierte. Jetzt haben sie, wie sie selbst berichten, wieder etwas zu sagen und legen daher nach vierjähriger Arbeit „Für den unbekannten Hund“ vor. Sie wollten nach eigener Auskunft etwas Besonderes vollbringen, jedoch keine „gequirlte Kunstscheiße“.

Es geht ihnen um die brutale Gewalt von Schülern und Jugendlichen – Zunahme von Gewalt an Schulen um 40 Prozent allein im letzten Jahr – und um den sich daraus notwendigerweise ergebenden Sühnegedanken. Verpflanzt wurde das Ganze in das Milieu der fahrenden Handwerksgesellen.

Bastian, Betonbauer von Beruf, schneidet eines Nachts an einer verlassenen Tankstelle einem Penner die Kehle durch. Maike ist dabei Zeuge. Es dauert nicht lange, bis Maike Bastian mit Schwaigegeldforderungen erpresst. Dieser raubt deshalb einen Geldautomaten aus und muss dafür ins Gefängnis.

Nach seiner Entlassung will er sich an Maike rächen, wird dabei aber selbst schwer verletzt – und von einer Gruppe Handwerksburschen gerettet. Diese bilden eine besondere Gemeinschaft. Ihre Mitglieder müssen unter Verzicht auf viele Bequemlichkeiten drei Jahre und einen Tag wandern. Sie unterliegen einem strengen Ehrenkodex. Außerdem haben sie eine eigene Sprache.

Bei ihnen sieht Bastian eine Möglichkeit zur Flucht, zu einem Neuanfang. Festus und Samarit sind seine Gefährten. Wird er die Probezeit bestehen?

Die Stationen der Wanderung sind von Einsamkeit geprägt oder sonst schwierig, turbulent oder von dem Zweifel geplagt, ob der eingeschlagene Weg der richtige sei. Das zeigt sich nicht nur bei Bastian. Auch Festus muss eine schmerzvolle Entwicklung durchlaufen. Einst hat er seinen Freund Schmiege im Streit schnöde verlassen, was er bitter bereut. Aber was noch viel schlimmer ist: Schmiege war der Penner, den Bastian tötete. In dramatischen Szenen bekennen sich die beiden ihr Versagen und ihre Schuld. Wie soll das jetzt noch gut ausgehen können? Und was ist mit der unbedingt nötigen Sühne?

Die Reding-Brüder wollten dem völlig unabhängig produzierten Film, in dem die verschiedenen Themenbereiche in einer unerwarteten, manchmal etwas forcierten Weise miteinander verknüpft sind, unbedingt ihren individuellen Stempel aufdrücken. Das haben sie getan.

Der Film ist wild, mit allen möglichen Formideen und Farben voll angefüllt, dramatisch, eigenwillig und eigensinnig, mit unvorhergesehenen Situationen und Zwischenfällen ausgestattet. Er hat etwas von einem den Zuschauer erschlagenden Albtraum, gleichzeitig jedoch besitzt er Originalität und Wucht. Als Versuch auf jeden Fall lohnend.

Sehr bemerkenswert die schauspielerische Leistung von Sascha Reimann als Festus.

Thomas Engel