Im neonbeleuchteten, Moloch-artigen Bangkok der Moderne kreuzen sich die Wege einer mittellosen Rezeptionistin und eines hoch verschuldeten Barkeepers. Es entspinnt sich eine zarte, brüchige Liebesgeschichte, die durch ein rätselhaftes Verschwinden in einen Mix aus Großstadt-Thriller und Mystery-Drama mündet. „Funeral Casino Blues“ ist ein visuell kraftvoller, atmosphärischer Arthouse-Film, dessen ausufernde Länge und bewusste Langsamkeit allerdings Geduld und Konzentration einfordern.
Über den Film
Originaltitel
Funeral Casino Blues
Deutscher Titel
Funeral Casino Blues
Produktionsland
DE
Filmdauer
153 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Viktoria Stolpe, Dominik Rockenmaier
Regisseur
Roderick Warich
Verleih
eksystent Filmverleih
Starttermin
13.08.2026
Jen (Jutamat Lamoon) lebt in Bangkok, pendelt zwischen der Rezeption eines Apartmentkomplexes und anonymen Hotelzimmern, in denen sie ihren Körper für Geld anbietet. Eines schicksalhaften Tages begegnet sie dem Barkeeper Wason (Wason Dokkathum). Für eine kurze Zeit treiben die beiden einsamen Seelen gemeinsam durch die schwülen Nächte der Metropole. Dann verschwindet Jen spurlos und ohne Abschied. Pim (Jutarat Burinok), Jens Mitbewohnerin, und Wason machen sich auf die Suche nach der jungen Frau. Diese führt sie bis an die kambodschanische Grenze und je länger sie dauert, desto aussichtsloser erscheint sie.
Der deutsche Regisseur Roderick Warich nimmt den Zuschauer in seinem zweiten Spielfilm (nach dem Drama „2557“ von 2017) mit auf eine stimmungsvolle Reise durch eine Welt, in der Einsamkeit und Entfremdung dominieren. Diese Attribute lassen sich exakt auf Jen und Wason übertragen, die als verlorene Seelen durch das nächtliche, neondurchflutete Bangkok driften und ums Überleben kämpfen. Was sie eint, ist nicht nur das Gefühl der Isolation und Anonymität, sondern auch ihre prekäre, von Armut und Entbehrungen geprägte Existenz.
Sie halten sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs und Escort-Diensten über Wasser, ein Großteil des hart verdienten Geldes geht an die Familien in der Provinz. Hinzu kommen (Spiel-)Schulden, die den Druck weiter erhöhen. Die Gegensätze zeigen sich unter anderem an den wohlhabenden Kunden, denen Jen ihre Dienste anbietet. Warich verweist damit gekonnt auf Themen wie soziale Ungleichheit, Klassenunterschiede und die wirtschaftliche Not der „einfachen“ Stadtbevölkerung. Jen und Wason stehen stellvertretend für sozial und wirtschaftlich isolierte Menschen, denen es am Nötigsten fehlt und die sich abgehängt fühlen.
Warichs Botschaft ist klar: Abseits der für Touristen so attraktiven Wolkenkratzer und glitzernden Vergnügungsviertel symbolisieren die Hauptfiguren die Kehrseite der „Moderne“. Ein Urbanismus der Ungleichheit. Jutamat Lamoon und Jutarat Burinok verleihen ihren komplexen Figuren eine besondere Fragilität, hinter der jedoch Stärke und Entschlossenheit durchscheinen. Mit ihrem zwischen kühler Distanz und emotionaler Verletzlichkeit schwankendem Spiel ziehen sie den Betrachter in ihren Bann.
Optisch setzt der Film auf eine ruhige, hoch atmosphärische Bildsprache. Hinzu kommt eine bedächtig-entschleunigte Erzählweise, die dem Geschehen viel Raum lässt – für manch einen Kinobesucher womöglich aber zu viel. Denn die schiere Langsamkeit und die damit einhergehende Laufzeit von über 150 Minuten können durchaus erschlagend wirken. Zudem sollte man ein Faible für das moderne, typisch urbane Neon-Noir-Feeling melancholischer Großstadtmärchen mitbringen. Beispielhaft seien hier „Drive“ mit Ryan Gosling, Wong Kar Wais „Chungking Express“ oder der asiatische Kritikerliebling „Long Day’s Journey Into Night“ genannt.
Bisweilen verliert sich Warich in der visuellen Kraft und metaphorischen Symbolhaftigkeit seiner Bilder. In all seiner hypnotischen, rätselhaften Grundstimmung vernachlässigt er darüber die Dramaturgie, was sich vor allem im Verlauf der Krimi-Handlung rund um die Suche nach Jen zeigt. Hier wäre eine stärkere Fokussierung bzw. Rückbesinnung auf den Erzählkern wünschenswert gewesen, anstatt den Schwerpunkt auf die – überstilisierte – Visualität zu legen.
Björn Schneider







