Ganges – Fluß zum Himmel

Dokumentation über die Bestattungsriten am indischen Ganges. Der Film erforscht die außergewöhnliche Bindung eines ganzen Volkes an einen Fluss – eine Bindung, die einmalig und in ihrer tiefen Spiritualität kaum jemals für Menschen außerhalb des indischen Kulturkreises wirklich nachvollziehbar ist.

Webseite: www.gangesrivertoheaven.com

Ganges: River to Heaven
USA/Indien 2004. 
Regie: Gayle Ferraro. 
O.m.d.U. Länge: 80 min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 7.6.2007

PRESSESTIMMEN:

Eine ausgezeichnete Dokumentation.
Stern

Der kommentarlose Dokumentarfilm macht mit ebenso befremdlichen wie faszinierenden Ritualen vertraut, wobei die pittoresken Bilder im Gesamtkontext ihre scheinbar makabre Dimension verlieren und auf den würdevollen Umgang mit dem Sterben hinweisen.
film-dienst

FILMKRITIK:

Der Ganges im nördlichen Indien ist ein besonderer Fluss. Er gilt als heilig, von großer spiritueller Bedeutung, von den Göttern gestiftet – in uralter Zeit. Am Fluss liegt die Stadt Varanasi. Sie spielt im Glauben der Hindus eine wichtige Rolle. Wer hier stirbt, dem wird das Risiko der Wiedergeburt – und das heißt auch der Wiedergeburt als niedrigeres Wesen – erspart. Die Seligkeit nach dem Tode tritt dann sofort ein.

Deshalb bringen die Menschen aus ganz Indien Sterbende an diesen Ort. In den düsteren Zimmern eines Hospizes warten sie dann auf den Tod der meist alten Angehörigen. Sie sind von einer tiefen Gläubigkeit erfüllt, wachen, beten und hören ununterbrochen geistliche Musik.

Der Film portraitiert vier Familien, die ihre dem Tod Nahen begleiten. Sie warten 6 Stunden oder 2 Tage oder 8 Tage oder 18 Tage.

Die Stadt ist auf diese Tradition eingestellt. Die Mitglieder der niedrigen Kasten, die „Unberührbaren“ zum Beispiel, schleppen das Holz ans Flussufer, an dem die Leichen verbrannt werden. Die Überreste kommen in den Fluss. Hundert Leichen werden an einem Tag gezählt. Manche Toten müssen unverbrannt in den Ganges geworfen werden, Leprakranke etwa oder auch „heilige Männer“. 

Ein beängstigend quirliges Tun belebt diese Stadt und mitten drin immer wieder die Leichenträger mit ihrer blumengeschmückten Last. Die Andenkenhändler verkaufen Sterbezubehör, die Priester und Traditionalisten diskutieren über den unverzichtbaren Glauben und seine Riten, die Wissenschaftler sehen das Dilemma zwischen religiösem Tun und starker Umweltverschmutzung. 

Denn das Wasser des Flusses, an dessen Ufer sich Millionenstädte bilden, verdreckt immer mehr. Gleichwohl nehmen unzählige Inder ihre täglichen Waschungen darin vor, um sich zu „reinigen“. Wie lange es noch dauern wird, bis die Katastrophe eintritt, weiß niemand.

Der Film gibt ein eindringliches, bedeutsames bis erschütterndes Bild vom Leben in Varanasi, von der möglichen Grausamkeit des Todes sowie der immer tiefer werdenden Kluft zwischen Glaubens- und Aberglaubensvorstellungen einerseits und moderner Existenz andererseits. Er tritt so nahe ans Leiden in den letzten Zügen, ans Röcheln und ans Sterben, dass man überdurchschnittlich starke Nerven braucht. Das ist die Grenze dessen, was man zeigen kann und erträgt.

Auf der anderen Seite gehen diese Menschen mit etwas Natürlichem viel besser um als wir in unseren Breitengraden. Sie verdrängen den Tod nicht, sie schieben die Toten nicht ab an ein Bestattungsunternehmen, das für viel Geld alles Unangenehme erledigt. Insofern im Ganzen ein ebenso wichtiges wie unerbittliches Dokument. 

Thomas Engel