Hinterfragt die Dinge und glaubt nicht immer alles, was man euch erzählt! Dies ist eine der zentralen Botschaften des gesellschaftskritischen, berührenden Dramas „Ghost School“ über eine Schülerin, die um ihre Zukunft und Chancengleichheit kämpft. Der in einem kleinen pakistanischen Dorf angesiedelte Debütfilm handelt von lokalen Mythen, Aberglaube, Verschleierung und systemsicher Ausgrenzung. Ein mutiges Debüt, das seinen Schwerpunkt auf Sozialkritik und die Offenlegung von Korruption und Machtmissbrauch legt.
Über den Film
Originaltitel
Ghost School
Deutscher Titel
Geisterschule
Produktionsland
PK, DE, SA
Filmdauer
88 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Seemab Gul
Regisseur
Seemab Guul
Verleih
jip film & verleih gbr
Starttermin
03.09.2026
Als Rabia (Nazualiya Arsalan) eines Tages ihre Schule betreten will, ist sie mehr als überrascht: Das Gebäude ist geschlossen. Die Gründe dafür kennt die zehnjährige Pakistani nicht. Doch schnell machen Gerüchte die Runde. Angeblich hätten Geister die Schule in Besitz genommen und der böse Fluch ebenso den Lehrer befallen. Während die lokalen Behörden keine Antworten liefern, wächst im Dorf die Ratlosigkeit. Entschlossen beginnt Rabia, der Sache selbst auf die Spur zu gehen. Ist an den Gerüchten über die verhexte Schule etwas dran oder dienen die Geschichte dazu, etwas anderes zu verschleiern?
Rabia liebt es, ihr Wissen zu erweitern und die Welt zu erkunden. Entsprechend gern geht sie in die Schule. Was also tun, wenn die geliebte Schule plötzlich geschlossen ist? Und man zudem noch gesagt bekommt, dass ein mysteriöses unsichtbares Geisterwesen dahintersteckt? Rabia ist skeptisch und hinterfragt die Geschichten, die ihr aufgetischt werden. Die hochtalentierte Nazualiya Arsalan ist brillant als aufgeweckte, kritisch denkende Hauptfigur des Films. Das liegt zuvorderst an ihrer expressiven Mimik, ihrer Sensibilität und dem Mut, mit dem sie ihre spannende Rolle verkörpert.
Gleichzeitig bewahrt sie sich etwas Spielerisches und ist noch immer in ihrer kindlichen Gedankenwelt verhaftet. So bleibt sie als junge Protagonistin glaubwürdig und als Identifikationsfigur für gleichaltrige Zuschauer interessant. Rabia ist anfällig für die Phantastereien ihrer Mitschüler, die u.a. behaupten, Pferde können fliegen. Mit einem Pferd in das nächste, weit entfernte Dorf fliegen, um dort wieder zur Schule gehen zu können? Eine Imagination, die Rabia Kraft gibt und sie durch ihr neues Leben ohne Schule trägt.
Es ist ein neuer Alltag, in dem man ihr, in einer männerdominierten Gesellschaft, das menschliche Grundrecht auf Bildung raubt. In einer zentralen Szene fragt die Chefin von Rabias Mutter das Mädchen, ob sie nicht in der Stadt eine neue Schule besuchen wolle – gleichzeitig könne sie ihr im Haushalt helfen. Was die Frau von Rabia verlangt ist nichts anderes als moderne Ausbeutung und Sklaverei. Kalkuliertes, heuchlerisches Nutznießertum.
Regisseurin Seemab Gul thematisiert in ihrem Debütwerk Machtmissbrauch, Klassenunterschiede, Bildungs- und Chancenungleichheit sowie die Ausgrenzung ganzer Gesellschaftsgruppen in Pakistan. Außerdem verweist der Film (schon im Titel) auf das tatsächlich existierende Problem der Geisterschulen und Geisterkrankenhäuser in dem südasiatischen Land. Viele tausend, einst als öffentliche oder kommunale Einrichtungen geplante Gebäude stehen in Pakistan leer oder verwahrlosen halbfertig in der Einöde. Korruption, fehlende staatliche Kontrollen und die Machtinteressen lokaler Großgrundbesitzer sind die Ursachen. Gul benennt dieses systemische Versagen unmissverständlich.
Dadurch wird „Ghost School“ natürlich auch zu einem hochpolitischen Film, dessen Kernaussagen und Verweise den meisten jüngeren Kinobesuchern vermutlich verborgen bleiben. Für Kinder unter 12 Jahren erscheint der anspruchsvolle Mix aus Coming-of-Age, Fantasy und Sozialdrama daher eher ungeeignet. Auch könnte die gemächlich-entschleunigte, ganz auf eine märchenhafte Atmosphäre ausgerichtete Erzählweise nicht jeden gleichermaßen erreichen. Gul entfaltet ihre Handlung geduldig und sie nimmt sich Zeit – für Gesten, Blicke und die Stimmungen der Umgebung. Ein Faible für eine ruhige, beobachtende Erzählstruktur kann daher nicht schaden.
Björn Schneider







