Mit dem Pflege-Drama „Heldin“ gelang Petra Volpe ein Kino-Coup, der im Vorjahr zum Berlinale-Liebling avancierte und von der Schweiz ins Oscar-Rennen geschickt wurde. Nun präsentiert die Regisseurin ihren ersten Film in englischer Sprache. Der Titel lässt fast ein bisschen „Thelma & Louise“ mitklingen, doch statt auf einen feministischen Roadtrip führt der Weg diesmal ins Männergefängnis. Wieder geht es um Schuld und Sühne, um Würde und Gerechtigkeit. Der lebenslänglich verurteilte Frank hofft auf Bewährung, wenn er sich als Pfleger um den alternden, dementen Häftling Nelson kümmert. Der Gewaltverbrecher reagiert mit ruppiger Ablehnung. Mit dem großen Wurf der „Heldin“ kann die Knacki-Läuterung nicht ganz mithalten. Großes Empathie-Potenzial, glaubwürdige Figuren und exzellente Schauspieler sorgen gleichwohl für ein bewegendes Melodram.
Über den Film
Originaltitel
Frank & Louis
Deutscher Titel
Frank & Louis
Produktionsland
CH, GB
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Reto Schärli, Lukas Hobi
Regisseur
Petra Biondina Volpe
Verleih
Constantin Film Vertriebs GmbH
Starttermin
10.12.2026
Der Film ist sofort da. Noch bleibt die Leinwand schwarz, doch auf der Tonspur rollt bereits ein Auto heran. Bremsen, Motor aus, Türen auf. Dann das erste Bild: Zehn Männer in orangefarbener Häftlingskleidung werden, an Händen und Füßen gefesselt, in ihr neues Zuhause geführt. Dort tauschen sie Orange gegen blau-weiße Knacki-Klamotten und bekommen ein paar Alltagsutensilien ausgehändigt. Frank (Kingsley Ben-Adir), ein Mann in den Vierzigern und zu lebenslanger Haft verurteilt, bittet um drei zusätzliche Päckchen Seife. Was hat er damit vor? Man wird sehen!
Franks anderer Plan klingt weniger geheimnisvoll. Er will beim Programm „Gold Coats“ mitmachen, bei dem Gefangene andere Insassen betreuen, die an Alzheimer und Demenz erkrankt sind. „Diese Arbeit ist nicht wie Workshops oder Seminare. Hier müssen Sie sich ganz darauf einlassen!“, warnt die Leiterin und droht mit ernsten Konsequenzen, falls Frank versagt. Freilich hat der auch die Bewährungskommission im Blick. Helfen hilft hier beiden. Sein zugeteilter Patient Louis Nelson (Rob Morgan) war einst ein mächtiger Gangster-Boss. Mittlerweile leidet der Sechzigjährige an fortschreitender Demenz. Seinem neuen Pfleger begegnet „Mr. Nelson“, wie Frank ihn nennt, mit ruppiger Ablehnung und Argwohn.
Trotz aller Widerstände wächst langsam Vertrauen zwischen den beiden. Die Demenz-Schübe sorgen jedoch immer wieder für Probleme. „Seit wann bin ich so? Wieso kann ich nicht einfach sterben?“, fragt Nelson mit ausdruckslosem Gesicht. Ein auf Rache sinnender Häftling bringt weiteren Ärger. Der Tag der Anhörung rückt näher. „Was würden Sie dem Opfer sagen wollen?“, wird Frank gefragt.
Die üblichen Knast-Rituale spielen bei Volpe nur eine Nebenrolle. Wie bei der „Heldin“ geht es ihr um den menschlichen Umgang miteinander. „Ich habe es interessant gefunden, einen feministischen Film über Männer zu machen. Einmal Männer auf eine andere Art zu zeigen“, sagt die Regisseurin über ihren Ansatz. Für den Film recherchierte sie bei Teilnehmern solcher Betreuungsprogramme in Gefängnissen. Entsprechend hoch fällt die Glaubwürdigkeit bei der Schilderung der Probleme und Hoffnungsschimmer aus. In diesem Mikrokosmos hinter Gittern gibt es, wie draußen auch, die Idealisten und die Abgebrühten. Auch hinter schwedischen Gardinen existiert kein schlichtes Schwarzweiß-Bild der Guten und der Bösen, vielmehr dominieren Grautöne und Widersprüche. Wer hätte gedacht, dass es im harten Knastalltag trotz aller Hackordnung und Gewalt durchaus Platz für Solidarität, Wärme und Würde geben kann? Die wie immer verlässlich starke Kamerafrau Judith Kaufmann sorgt mit ihren Bildern für knisternde Knast-Atmosphäre.
Auf seinem Weg zur Läuterung gerät der Held immer wieder ins Straucheln. Sei es aus eigenem Unvermögen oder weil ihm Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Auch Mr. Nelson bleibt ein widersprüchlicher Fall: ein skrupelloser Verbrecher mit dickem Minus im Karma-Konto, der plötzlich ganz große Gefühle für seine Tochter entwickelt, die er seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.
Mit Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan hat Volpe zwei exzellente Darsteller gefunden, deren Intensität es mit jener von „Heldin“ Leonie Benesch durchaus aufnehmen kann. Bisweilen schrammt die Geschichte hart an der Klischeegrenze entlang, und auch der Soundtrack meint es mit den Gefühlen gelegentlich etwas zu gut. Doch das sind kleine Mängel in einem starken Kinostück, das bewegt.
Dieter Oßwald






