Eine schräge Thriller-Geschichte mit sozialkritischer Stoßrichtung erzählt der polnische Filmemacher Jan Komasa in seiner englischsprachigen Regiearbeit „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“. Stanley Kubrick, die „Saw“-Schocker und Yorgos Lanthimos grüßen dabei als Inspirationen. Am Ende wird man das Gefühl nicht los, dass aus dieser interessanten Mischung mehr herauszuholen gewesen wäre, als das Resultat zu bieten hat.
Über den Film
Originaltitel
Good Boy
Deutscher Titel
Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes
Produktionsland
GBR,POL
Filmdauer
110 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Komasa, Jan
Verleih
Warner Bros. Entertainment GmbH
Starttermin
04.06.2026
International scheint der polnische Regisseur Jan Komasa immer mehr durchzustarten. 2025, sechs Jahre nach seinem oscarnominierten, für Aufsehen sorgenden „Corpus Christi“, erblickten gleich zwei englischsprachige Arbeiten unter seiner Federführung das Licht der Welt. Der zwischen Politthriller und Familiendrama pendelnden „The Change“ seziert auf zugespitzte Weise die gesellschaftlichen Gräben in den USA und das Erstarken rechter Kräfte, ging in Nordamerika aber, trotz seiner brandaktuellen Thematik, an den Kinokassen weitgehend unter. Bereits zuvor hatte die britisch-polnische Koproduktion „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ auf dem renommierten Toronto International Film Festival ihre Premiere gefeiert. Ein Werk, das mit seiner ebenso griffigen wie schrägen Prämisse ähnliches Aufregerpotenzial besitzt.
Am Anfang stehen hier hektische, rastlose, wild geschnittene und mit hämmernden Beats unterlegte Bilder einer völlig aus dem Ruder laufenden Partynacht. Für den 19-jährigen Tommy (Anson Boon) sind die Drogen- und Alkoholexzesse, die wüsten Beschimpfungen und Prügeleien, die er auch noch stolz in den sozialen Medien präsentiert, offenbar keine Seltenheit, sondern Alltag. Der junge Mann kennt nur einen Aggregatzustand, schert sich nicht um Regeln. Als er am Ende der Feierei derangiert durch die Straßen taumelt und schließlich zusammenbricht, wird er von einem zunächst unerkannt bleibenden Autofahrer eingesammelt.
Als Nächstes lernen wir die mazedonische Hilfskraft Rina (Monika Frajczyk) kennen, die vor einer unschönen Vergangenheit flüchtet und in England eine Anstellung sucht. Ein solche findet sie im Haus des Toupetträgers Chris (Stephen Graham) und seiner Gattin Kathryn (Andrea Risebourough), die zusammen mit ihrem Sohn Jonathan (Kit Rakusen) irgendwo im Hinterland ein einsam gelegenes Anwesen bewohnen. Eigentlich müsste Rina schon am ersten Arbeitstag panisch Reißaus nehmen, als sie im Keller des Hauses den angeketteten Tommy entdeckt, den das Paar in ein sozial verträgliches Mitglied der Familie verwandeln will. Das von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid geschriebene Drehbuch erklärt ihr Bleiben jedoch mit ihrem prekären Aufenthaltsstatus und den persönlichen Problemen, denen sie unbedingt entkommen möchte. Ein paar Drohworte von Chris reichen aus, und Rina nimmt die höchst bizarre Lage an – wenn auch mit spürbarem Unbehagen.
„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist eine Thriller-Groteske, bei der sich filmische Inspirationsquellen und Vorbilder geradezu aufdrängen. Die drastische Umerziehung eines jungen Mannes, der die gesellschaftlichen Konventionen mit Füßen tritt, erinnert stark an Stanley Kubricks kontroversen 1970er-Jahre-Klassiker „Uhrwerk Orange“. Auch die vor einem Vierteljahrhundert gestartete „Saw“-Reihe mit ihrem brachial Moral predigenden Antagonisten lässt grüßen. Allerdings interessiert sich Jan Komasa wenig für blutige und reißerische Impressionen, wie sie für das Horror-Franchise charakteristisch sind.
Am meisten ähnelt „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ wohl dem Schaffen des in Hollywood angekommenen Griechen Yorgos Lanthimos, der Absurdität und Beklemmung oft geschickt verschmelzen lässt. Tommys Gefangennahme, die Art, wie er im Keller festgehalten wird und auf welche Weise Chris und Kathryn ihn umzuerziehen versuchen (etwa mit beruhigenden Lehrvideos), ist ganz schön schräg. Dem Paar ist es indes ernst, hat es doch mutmaßlich einen Verlust zu verkraften und will diesen nun durch die „Aufnahme“ des Problemteenagers lindern. Was die Vergangenheit der seltsamen Spießerfamilie betrifft, hält sich der Film meistens bedeckt, deutet Dinge bloß an und löst die ausgestreuten Hinweise nie vollständig auf.
Im Fokus steht vor allem die Dynamik im Haus, die durch Tommys Anwesenheit in neue Bahnen gelenkt zu werden droht. Auf den ersten Blick ist Chris derjenige, der entscheidet, der alle Vorbereitungen trifft, den Gefangenen züchtigt, wenn er über die Stränge schlägt, während seine blasse, wie ein Geist durch das Gebäude streifende Frau zerbrechlich und labil wirkt. Mit der Zeit zeigt sich aber, dass Kathryn sehr wohl einen eigenen Willen hat und die Härte, diesen auch konsequent durchzusetzen. Beim anfangs schreienden und fluchenden Tommy wiederum stellt sich immer wieder die Frage, inwieweit er ehrlich ist, ob er seine Annäherung, vor allem an Jonathan, nur spielt, um in den Genuss günstigerer Bedingungen zu gelangen.
Andrea Riseborough, Stephen Graham, der in seiner leicht eingefallenen Körperhaltung schon etwas Unsicherheit durchblitzen lässt, und Anson Boon liefern überzeugende Darbietungen ab. Eine durchgehend klaustrophobische Stimmung, wie sie viele Lanthimos-Filme heraufbeschwören, bleibt „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ allerdings schuldig. Zum einen, weil sich die Figur Ritas überdeutlich als plumper Drehbuchkniff entpuppt. Zum anderen, weil die Handlung gegen Ende einige überstürzte Schlenker nimmt, die Tommys emotionale Reise verzerren. Was überdies auffällt: Der Versuch, eine Diskussion über die heilende Kraft der Imagination anzustoßen, ist ungemein reizvoll, hätte aber noch einen Schuss mehr Substanz vertragen können.
Christopher Diekhaus







