Hana, Dul, Sed – Eins, Zwei, Drei

Nur selten bekommen westliche Regisseure eine Drehgenehmigung für Nordkorea. Brigitte Weich gelang dieses Kunststück – allerdings zu einem Preis. Ihr Film über das Leben von vier Fußballerinnen bietet einen spannenden Blick in eine normalerweise hermetisch abgeschlossene Welt, ist allerdings so unkritisch, dass er wohl ohne zensiert zu werden im nordkoreanischen Staatsfernsehen gezeigt werden könnte.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Österreich 2010 – Dokumentation
Regie, Drehbuch: Brigitte Weich, Karin Macher
Kamera: Judith Benedikt
Schnitt: Michaele Müllner
Länge: 98 Min.
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 9. Juni 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Denkt man an Nordkorea, denkt man im allgemeinen zuerst an eine Diktatur, die letzte stalinistische Bastion auf Erden, deren Diktatur Kim Jong-il einen Personenkult sondergleichen durchführen lässt, der sich in bizarren Paraden zeigt und vertuschen soll, dass das Land wirtschaftlich am Abgrund steht und Hungersnöte herrschen, die schon Millionen Leben gekostet haben. In Brigitte Weichs Film über Nordkorea geht es um Fußball. Nun ist Fußball fraglos ein wichtiger Teil des nordkoreanischen Lebens, zumal besonders die Frauennationalmannschaft zu den besten Teams der Welt zählt. Hätte man es bei Nordkorea mit einem normalen Land zu tun, wäre der hier gewählte Ansatz also unproblematisch: Vier Spielerinnen beobachten Brigitte Weich und ihre Co-Regisseurin Karin Macher in ihrem Film, begleiten sie über mehrere Jahre, in denen sie sich von erfolgreichen Spielerinnen zu Privatpersonen wandeln, die ihren Platz nun im Alltag, jenseits des grünen Rasen, finden müssen. Nun ist Nordkorea aber kein normales Land, sondern eine hermetisch abgeriegelte Diktatur, die tunlichst darum bemüht ist, ihre Missstände vor den Augen der wenigen ausländischen Besucher zu verbergen. Was, wie dieser Film unfreiwillig beweißt, auch sehr gut gelingt.

Ohne Frage wurde das Filmteam während der Arbeit auf Schritt und Tritt begleitet, durfte nie unabhängig arbeiten, musste sich jede Einstellung absegnen lassen. Und auch die Gesprächspartner sind ganz offensichtlich um vorsichtige Formulierungen bedacht, sprechen bisweilen in so gestelzten Sätzen, dass man meint, einer Werbekampagne des Politbüros zuzuhören. Falls die Regisseurinnen nun aber geglaubt haben, dass das bloße Zeigen dieser befremdlichen, künstlichen Welt, der bombastischen sozialistischen Prunkarchitektur ausreicht, um die Absurdität dieser Diktatur zu entlarven, dann kann man nur ihr Scheitern attestieren. Angesichts der unkommentierten Darstellung des nordkoreanischen Alltags, der unkritischen Weise, mit der sich Parteigenossen äußern dürfen, drängt sich allerdings eher der Verdacht auf, dass den Regisseurinnen gar nicht bewusst war, wie sehr sie sich mit der Art ihres Films zum Teil der nordkoreanischen Propaganda machen. Fraglos unabsichtlich, dennoch mutet es gelinde gesagt naiv an, in einem Land wie Nordkorea einen Film über den Alltag von vier Fußballspielerinnen zu drehen, damit etwas über das Geschlechterverhältnis und die sich wandelnde Rolle der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft erzählen zu wollen und den Rest, die viel eklatanteren Missstände Nordkoreas, einfach zu ignorieren.

Keine Frage, allein für den Blick, den man in diesem Film in den Alltag Nordkoreas werfen kann – auch wenn es der privilegierte Alltag von vier verdienten Sportlern ist – lohnt es sich, diesen Film anzusehen. Noch viel mehr allerdings, weil er die Fallstricke zeigt, die Dokumentarfilmer sich aussetzen, wenn sie mit offizieller Drehgenehmigung in einer Diktatur arbeiten wollen. Die moralischen Probleme, die dies aufwirft, hätten zumindest reflektiert werden müssen. „Hana, Dul, Sed – Eins, Zwei, Drei“ tut dies in keinem Moment und so bleibt bei allen spannenden Bildern ein mehr als zwiespältiger Eindruck zurück.

Michael Meyns

Ein Film über das streng kommunistische und diktatorische Nordkorea gehört schon zu den absoluten Seltenheiten. Und deshalb dauerte die Genehmigungs- und Drehzeit für diesen Dokumentarfilm auch Jahre. Doch das Unternehmen hat sich gelohnt.

Aufhänger ist das Leben von vier Fußballspielerinnen. Die nordkoreanische Frauen-Nationalmannschaft zählt zu den besten der Welt. Ihr gehören bzw. gehörten Ri Jong Hi, Ra Mi Ae, Jin Pyol Hi und Ri Hyang Ok an. Man sieht sie hart trainieren, kämpfen, gewinnen, verlieren. Für das Prestige Nordkoreas sind Siege angeblich von entscheidender Wichtigkeit. Meist wird gegen asiatische Gegner gespielt, doch stehen auch Weltmeisterschaften und Olympische Spiele auf dem Programm.

Der Filmemacherin Brigitte Weich wurde auch erlaubt, das Privatleben der vier jungen Frauen zu beschnuppern. Natürlich verfügen sie über einen höheren Lebensstandard als die übrige Bevölkerung. Das auch deshalb, weil sie regimetreu sind. Der große Führer des Volkes Kim Il Sung muss wie ein Gott verehrt werden. Glückselig, wer von ihm ein paar Worte aufschnappt oder wie die vier gar eine Medaille erhält.

Armenviertel, gewöhnliche Stadtteile der Hauptstadt Pyöngjang oder flaches Land sind nicht zu sehen, sondern nur feudale Regierungsgebäude, Prunkstraßen, Paläste oder Monumente. Etwas anderes hätte die Zensur niemals erlaubt.

Die Qualifikation zu den Olympischen Spielen von Athen damals schaffte die Frauen-Nationalmannschaft nicht. Resultat: Ri Hong Hi, Ra Mi Ae (die schöne), Jin Pyol Hi und Ri Hyang Ok wurden entlassen und ersetzt. Einige blieben danach aber Freundinnen.

Entstanden ist schon ein besonderer Einblick in das Land. An interessanten sportlichen und menschlichen Situationen mangelt es nicht. Auch nicht an Kuriositäten, z.B. politischen. Die Spielerinnen dürfen sich beim Aufeinandertreffen im Ausland nicht mit den westlich-kapitalistischen Sportlern verbrüdern, vor allem nicht mit dem „Erzfeind USA“.

Erkenntnisreich und sehenswert ist das Gezeigte auf jeden Fall, zumal es diesem Dokumentarfilm auch nicht an einem gewissen Unterhaltungswert fehlt.

Wer speziell politisch interessiert ist, hat sogar noch mehr davon.

Thomas Engel