I Only Rest in the Storm

Wenn Europäer Filme über Afrika drehen kann das schnell problematisch werden, so gut die Absichten auch sein mögen. Der Komplexität der Geschichte gerecht zu werden ist schwierig, ein neokolonialer Blick steht dem oft im Weg. Außer man reflektiert die Kolonialzeit und ihre späten Folgen so klug wie es Pedro Pinho mit seinem herausragenden, überbordenden Epos „I Only Rest in the Storm“ tut, der in dreieinhalb Stunden durch Westafrika taumelt und lieber zu viel als zu wenig erzählt.

 

Über den Film

Originaltitel

O Riso e a Faca

Deutscher Titel

I Only Rest in the Storm

Produktionsland

PRT,BRA,FRA,ROU

Filmdauer

216 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Filipa Reis, Tatiana Leite, Tiago Hespanha, Juliette Lepoutre, P

Regisseur

Pedro Pinho

Verleih

Grandfilm GmbH

Starttermin

28.05.2026

 

Bissau, Hauptstadt des kleinen westafrikanischen Landes Guinea-Bissau, ehemalige portugiesische Kolonie. Der Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht ist auch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit noch zu spüren, in den Strukturen, die hinterlassen wurden, aber auch durch die Anwesenheit von Mitarbeitern von Firmen und Nichtregierungsorganisatoren, die aus unterschiedlichen Gründen im Land sind, des Profits wegen, aber auch, zumindest unterschwellig, der Wiedergutmachung.

Für eine NGO arbeitet auch Sérgio (Sérgio Coragem), ein Geologe, der ins Land kommt, um einen Bericht über eine geplante Straße zu schreiben, die die Küstenregion um die Hauptstadt, mit dem ländlichen, unterentwickelten Osten verbinden soll.

Schon bei der ersten Sitzung bekommt Sergio durch die Blume mitgeteilt, wie wichtig sein Bericht sein wird: Der Ruf der NGO steht auf dem Spiel, denn sein Vorgänger hat den Bericht verschleppt, seine Arbeit nicht beendet, kam sogar ums Leben, wie sich später herausstellt. Aber auch andere Interessen gibt es, die auf Sérgio Einfluss nehmen, bzw. Einfluss zu nehmen scheinen, so genau ist das nicht zu sagen, angesichts der brüllenden Hitze, die Sérgio in einen Zustand dauerhafter Erschöpfung versetzen.

Passiv wirkt Sérgio, fast katatonisch, wie er durch Bissau driftet, sich in den Nachtclubs und Speklunken der Stadt rumtreibt, auf Subkulturen trifft und unterschiedliche Menschen kennenlernt. Zum Beispiel Diára (Cleo Diára), die eine Bar betreibt und manch krummes Ding am Laufen zu haben scheint, sich auch schon mal mit einer Perücke verkleidet, wenn sie vor einem Verfolger flieht. Oder Guilherme (Jonathan Guilherme), ein nonbinärer Brasilianer, der in der queeren Szene Bissaus lebt, einem Land, aus dem vielleicht auch die Sklaven stammten, die über den Atlantik verschleppt wurden und möglicherweise seine Vorfahren sind.

Die Sklaverei ist eine der vielen Themen, die Pedro Pinha in seinem ausufernden Epos „I Only Rest in the Storm“ anreißt, der letztes Jahr in einer Nebensektion in Cannes lief und zu einem der bestbesprochensten Filme des Festivals avancierte. Und das trotz einer Länge von knapp über dreieinhalb Stunden, in denen der portugiesische Regisseur in einer episodischen Struktur durch Guinea-Bissau streift, mal in fast dokumentarischer Manier Menschen aus dem Land zu Worte kommen lässt, sich in mitreißenden Tanzszenen in den Clubs der Stadt verliert, einige sehr direkte Sexszenen zwischen allen Geschlechtern inszeniert, es aber immer wieder schafft, auf den Kern seines Films zurückzukommen: Der wird verkörpert durch Sérgio, einen typischen Europäer, sympathisch, nett, aber auch etwas unscheinbar, der passiv durch Westafrika driftet, davon überzeugt ist, Gutes zu tun, aber immer wieder an seinem Gutmenschentum zu scheitern droht.

Mit Sérgio lernt auch der Zuschauer Guinea-Bissau kennen, anfänglich auf fast touristische Weise, vor allem aber mit nüchternem Blick, der die Komplexität und Widersprüche des Landes aufzeigt. Einfache Antworten gibt es nicht, wenn es um die Frage geht, ob eine Asphaltstraße quer durch ein Naturschutzgebiet gebaut werden soll, was für Außenstehende auf den ersten Blick wie die offensichtliche Zerstörung der Natur wirkt, sich beim genaueren Hinsehen aber als notwendiger Fortschritt erweist, der abgehängte Regionen des Landes an die Entwicklung anschließt.

Es ist eben kompliziert, das vor allem muss Sérgio im Laufe seiner langen, mäandernden Reise erkennen, so kompliziert wie seine Sexualität, die ihn zwischen Männern und Frauen hin und her driften lässt, ziellos und am Ende ebenso verloren, wie es Europa in Afrika oft wirkt, im Bemühen die einstige Schuld der Kolonialzeit in der Gegenwart wiedergutzumachen.

 

Michael Meyns

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