I Want To Run – Das härteste Rennen der Welt

2009 fand zum zweiten Mal der so genannte „Trans-Europalauf“ statt, der eine Gruppe unerschrockener Extremsportler über knapp 4500 Kilometer vom italienischen Bari bis zum Nordkap in Norwegen führte. Regisseur Achim Michael Hasenberg begleitete die Läufer und porträtiert in seiner Dokumentation diese für Außenstehende schwer nachzuvollziehende, durchaus masochistisch wirkende Extremleistung.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2011 – Dokumentation
Regie, Buch: Achim Michael Hasenberg
Länge: 89 Minuten
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 24. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Selbst der Durchschnittsbürger, der gelegentlich mal im Park joggt, hat Schwierigkeiten, sich die körperliche Anstrengung vorzustellen, die für die Bewältigung eines Marathons notwendig ist. Ganz zu schweigen von den immer neuen, immer extremeren Ultramarathons, 12 oder 24 Stunden-Läufen und zahllosen anderen Ausdauerübungen, die weltweit durchgeführt werden. Eine davon ist der 2003 ins Leben gerufene Trans-Europalauf, der – man ahnt es schon – einmal quer durch Europa führt. Die erste Ausgabe ging in 64 Etappen von Lissabon nach Moskau, die zweite, 2009 durchgeführte Veranstaltung führte anfangs 68, am Ende noch 45 Teilnehmer vom italienischen Bari bis zum Nordkap in Norwegen. An 64 aufeinander folgenden Tagen wurden exakt 4487,7 Kilometer in Tagesabschnitten zwischen 44 und 95 Kilometer Länge zurückgelegt, durchschnittlich also 70 Kilometer pro Tag.

Die offensichtliche Frage ist nun schlicht und ergreifend: Warum? Beantworten lässt sie sich wohl nur mit einer Variation jenes geflügelten Wortes, dass der legendäre Bergsteiger George Mallory auf die Frage gab, warum er den Mount Everest besteigen will: „Weil er da ist!“ lautete die prägnante Antwort, und so ähnlich äußern sich die Läufer, die Achim Michael Hasenberg in seiner Dokumentation „I Want To Run – Das härteste Rennen der Welt“ zu Wort kommen lässt. Zumindest ansatzweise nachvollziehbar wirkt da noch die Begründung des an Multipler Sklerose leidenden Joachim Hauser, der mit dem Laufen dem Muskelschwund entgegen wirken will. Auch zwei schwedische Offiziere haben eine halbwegs sinnvolle Begründung für ihre Teilnahme: Sie sind Versuchskaninchen, die den Zusammenhalt zweier Menschen unter extremen Bedingungen testen sollen. Alle anderen der näher porträtierten Läufer, vom Optikermeister Robert Wimmer, der die erste Ausgabe des Rennens gewinnen konnte, über die Wissenschaftlerin Elke Streicher bis hin zur japanischen Hausfrau Hiroko Okiyama nehmen die Tortur aus Gründen auf sich, die vermutlich irgendwo zwischen Selbstbestätigung, Überwindung der eigenen Grenzen und einer gehörigen Portion Obsession einzuordnen sind.

Dementsprechend beschränkt sich Hasenbergs Film dann auch auf das unkommentierte Zeigen des Laufes, der zwar weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, aber generalstabsmäßig organisiert ist: Wie bei der Tour de France begleiten Mannschaftswagen die Läufer, ist für Verpflegung am Wegesrand gesorgt. Allein die Unterkünfte sind weniger komfortabel: Nacht für Nacht machen sich die Läufer in wechselnden Turnhallen, Kindergärten und ähnlichen Orten breit, rollen ihre Isomatten aus und versuchen im Gruppenschlafsaal, beim Gruppenschnarchen, ein wenig Ruhe zu finden. Warum man sich nicht zuletzt diese Bedingungen freiwillig antut, warum man bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, bei böigem Wind und Nieselregen immer wieder aufs neue zu rennen beginnt; für den Außenstehenden ist diese Anstrengung kaum nachzuvollziehen, gerade deswegen aber auch durchaus beeindruckend. Zumal bei jenen Teilnehmern, die sich eher dem olympischen Motto des „Dabei sein ist alles“ verschrieben haben und nicht von Ehrgeiz zerfressen sind.

Von einem wirklichen Wettkampf kann man ohnehin kaum sprechen: Am Ende des Rennens, nach 64 Etappen, hatte der Sieger stolze 29 Stunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten und war mit insgesamt 378 Stunden fast doppelt so schnell wie der Letzte. Und wer nach diesem interessanten Film Lust bekommen hat, selbst einmal mitzumachen: Vom 19. August bis 21. Oktober 2012 findet der dritte Trans-Europalauf statt. Diesmal geht es vom dänischen Skagen bis nach Gibraltar, „nur“ 4.200 km, dazu in warmen Gefilden, mit entspannten 65 km pro Tag – für die hier porträtierten Läufer dürfte das also geradezu ein Klacks sein.

Michael Meyns

Ein ungewöhnliches Sportereignis und ein ungewöhnlicher Film darüber. Es geht (im Jahre 2009) um ein Rennen durch Europa, vom italienischen Bari bis zum schwedischen Nordkap. Um die 4500 Kilometer sind das, 64 Tage dauert der Lauf. Über 60 Sportler haben sich gemeldet, Männer, Frauen, jung, alt, Profis, Laien. Nur wenige kommen nicht an. 6000 Euro kostet es jeden, der mitmacht.

Das sind die nüchternen Zahlen, doch das Geschehen selbst ist alles andere als nüchtern. Zunächst einmal die sportliche Seite. Es bedarf einer monatelangen läuferischen Vorleistung. Jeden Tag trainieren, joggen, immer ein bisschen mehr. Es bedarf des organisatorischen Zurechtlegens der Mittel und der Kleidung, die unbedingt nötig sind. Es bedarf medizinischer Untersuchungen. Wie steht es mit der persönlichen Kraft? Wie mit dem Gewicht? Wie mit der Gewichtsabnahme und der richtigen Nahrungsaufnahme?

Dann die psychische Seite. Es braucht eine geradezu unheimliche Willens- und Charakterstärke, so etwas durchzuhalten. Es bedarf einer unbarmherzigen inneren und äußeren Disziplin. Was sind die Motive? Es geht um persönlichen Ehrgeiz, um die Überwindung einer Krankheit (ein Teilnehmer leidet an Multipler Sklerose, ein anderer lief mit einem gebrochenen Knochen noch drei Tage weiter), um den Start in ein neues Leben – bei jedem um etwas anderes.

Konkurrenzdenken fehlt nicht. Aber es gibt natürlich auch eine Menge Freundschaften.

Das Rennen verläuft an der Adria entlang, dann durch Österreich, über Berge und durch Schluchten, durch ganz Deutschland bis Kiel. Mit der Fähre werden die Teilnehmer nach Skandinavien übergesetzt. Es ist heiß, es regnet, es ist (auf stark befahrenen Straßen) nicht ungefährlich, es ist auf den langen Etappen (80, 90 Tageskilometer) in Schweden und in der Nähe des Nordkaps eisig und windig. Es gibt Verletzungen. Die gemeinsam verbrachten Nächte sind unruhig.

Für professionelle medizinische Pflege ist jedoch gesorgt.

Die Filmemacher begleiten alles mehr oder weniger diskret. Von manchen Läufern werden sie gut aufgenommen, von anderen weniger. Interessantes ist zu erfahren: über den Lebenslauf der einzelnen (besonders der sieben Profis), über die gefühlsmäßigen und geistigen Hochs und Tiefs während des Wettkampfes, über die Schmerzen oder Glücksgefühle, wenn wieder ein Tag durchkämpft ist, über die Tränen, wenn
beispielsweise die Japanerin Hiroko trotz ihres „I Want To Run“ ausscheiden muss. Charakterliche Veränderungen während des Rennens werden ersichtlich.

Achim Michael Hasenberg und sein Team haben mit ihrem interessanten Film ebenfalls etwas Außergewöhnliches vollbracht.

Keiner, dem Extremsport und vor allem innere, seelisch-geistige Hochleistung etwas bedeutet, sollte sich „I Want To Run“ entgehen lassen.

Thomas Engel