Ich und Orson Welles

Als Orson Welles in den 1930er Jahren das New Yorker Mercury-Theatre gründet, kann noch niemand ahnen, welche Rolle dieser Mann einmal für Hollywood, den Film und das Theater spielen wird. Basierend auf der fiktiven Geschichte von Robert Kaplow stellt Richard Linklater den Künstler zum Beginn seiner Karriere vor, erlaubt Einblicke in dessen von bedingungsloser Vereinnahmung geprägte Arbeitsweise und charakterisiert ihn als launisch-herrisches Genie. Einer, der all dies hautnah miterlebt, ist der Schüler Richard. Nicht nur er erfährt, dass die Kunst der Inszenierung eine Fülle von Möglichkeiten bietet, die es nur richtig umzusetzen gilt. Er lernt aber auch, dass auch diese Welt oft nur eine des schönen Scheins ist. So gesehen ist Linklaters gekonnt altmodischer Film nicht nur eine Geschichte über Welles, sondern auch eine über das Theater.

Webseite: www.ich-und-orson-welles.de

OT: Me and Orson Welles
Großbritannien 2008
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Zac Efron, Christian McKay, Claire Danes, Ben Chaplin, Eddie Marsan, Zoe Kazan
114 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 26.8.2010

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es weht ein wenig Woody-Allen-Atmosphäre durch die ersten Minuten dieses vom Wunsch nach Broadway-Karriere beseelten Dramas. Jazzmusik aus den 30er Jahren erklingt, während die Namen der an der Produktion beteiligten Personen weiß auf schwarzen Tafeln aufgeführt werden und das Menschengetümmel auf Manhattans Straßen und Bürgersteigen in den ersten Bildern festgehalten ist. Richard Samuel (Zac Efron), ein 17-jähriger Schüler, träumt davon, Theaterschauspieler zu werden. Als er zufällig auf Orson Welles (Christian McKay) trifft, der gerade am Mercury-Theatre das Shakespeare-Stück „Julius Cesar“ plant, scheint sich sein Wunsch zu erfüllen.

Das Woody-Allen-Gefühl bleibt insofern noch eine Weile bestehen, als hier ja nicht nur Allens gerne gewählter Handlungsort Manhattan als Schauplatz dient, sondern in der wie ein Kammerspiel inszenierten Handlung auch eine Fülle von klar definierten Charakterköpfen auftreten. Ihnen werden etliche sicher auch heute noch gültige Wahrheiten in den Mund gelegt, bzw. machen sie in ihren Rollen auch ein wenig Verzweiflung spürbar – was im Film jedoch eher als Comic Relief wahrgenommen wird. Besonders trifft dies auf die Rolle von John Houseman zu (gespielt von Eddie Marsan), der seinerzeit mit Welles das Mercury Theatre gründete und als kaufmännischer Leiter stets kurz davor war, an den Launen und Sonderwünschen seines exzentrischen Partners zu zerbrechen. Das Konzept dieses Theaters sah übrigens nicht nur Bühnenaufführungen vor. Hier produzierte Welles auch Radioshows, darunter 1938 die Sendung „Krieg der Welten“, deren realistische Umsetzung einer fiktiven Landung von Marsmenschen auf der Erde zu panikartigen Reaktionen führte.

„Ich & Orson Welles“ konzentriert sich auf die Zeit während der Probenarbeiten am Stück „Julius Cesar“, das Welles als Antwort auf die Entwicklungen im faschistischen Nazi-Deutschland inszenierte und ein großer Bühnenerfolg wurde. Der exzellent von Christian McKay gespielte Welles ist hier in all seinen Facetten als charismatischer Selbstdarsteller, gnadenloser Manipulator und charmanter Frauenheld zu erleben – als Mann und Künstler, der sehr genau weiß, was er will. Daran, dass der 1973 geborene McKay den zum Zeitpunkt der Ereignisse 22 Jahre alten Welles spielt, muss man sich nicht stören. In einer gewissen Weise macht es ja die für den Film erfundene Prämisse, dass hier ein Schüler zu einem Schauspielgenie aufschaut und Richard in Welles so etwas wie ein väterliches Vorbild sieht, plausibler.

Eingebettet in den sicher nicht ganz neuen Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebs sind auch Anspielungen auf den Kultur- und Medienbetrieb. So ist Welles attraktive Assistentin Sonja (Claire Danes) durchaus bereit, sich für eine bessere Position nach oben zu schlafen. Dass sie dem jungen Richard den Kopf verdreht und der sich dadurch – weil er Welles herausfordert – fast um seine Rolle bringt, zeugt hingegen eher von der Naivität des unerfahrenen und unschuldigen Teenagers. Zac Efron zeigt hier zwar mehr, als er in „High School Musical“ je musste. Im Vergleich mit McKay bleibt er dennoch blass.

An einer Stelle des Films sagt Welles einmal, dass es im Theater vor allem um Möglichkeiten gehe („It’s all about possibilities“), sprich: um die Kunst, Dinge so zu inszenieren, wie man sie sich vorstellt, auch wenn sie sich so vielleicht gar nicht ereignet haben. Richard Linklater hat das wohl auch so verstanden. Die Figur des Richard könnte durchaus Linklaters Alter-ego sein, das sich eine Zusammenarbeit mit Orson Welles vorstellt. Sogar dem in seinen vorangegangenen Filmen vorwiegenden Thema – die Jugend auf der Schwelle zum Erwachsensein – ist Linklater mit diesem Kniff treu geblieben. Seinem bereits von den verschiedensten Genres von Slackerkomödie über Western und Kinderspaß bis moderner Liebesfilm bevölkertem Ouevre fügt der Amerikaner mit diesem nostalgisch gefärbten 30er-Jahre-Kammerspiel aber dennoch eine weitere, angenehm unterhaltsame Facette hinzu.

Thomas Volkmann

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