Einmal mehr wird im deutschen Kino eine Moorleiche zum Auslöser einer vielfältigen Spurensuche, die in Jutta Brückners „Im Spiegel meiner Mutter“ vor allem um das schwierige Verhältnis einer von Corinna Harfouch gespielten Archäologin und ihre gerade verstorbene Mutter kreist. Ein sehr persönlicher, vielschichtiger Film.
Über den Film
Originaltitel
Im Spiegel meiner Mutter
Deutscher Titel
Im Spiegel meiner Mutter
Produktionsland
DEU
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Herbert Schwering, Christine Kiauk
Regisseur
Jutta Brückner
Verleih
X Verleih AG
Starttermin
20.08.2026
Der Tod der Mutter ist ein einschneidendes Ereignis für jeden Menschen, auch für die Hochschulprofessorin Ursula Scheuner (Corinna Harfouch), deren Mutter Hildegard (Hildegard Schmal) vor ein paar Tagen in einem Pflegeheim verstarb. Die Ursache ist noch unklar, möglicherweise waren es keine natürlichen Umstände, jedenfalls macht sich Ursula Vorwürfe, so wie sie es ihr ganzes Leben getan hat.
In der Wohnung der Mutter stößt Ursula auf Spuren eines Lebens, mit dem sie eng verbunden war, mit dem sie aber auch nichts zu tun haben wollte, allzu fordernd war die Mutter, allzu egoistisch. Doch der Nachlass muss aufgelöst, der Papierkram erledigt werden. Und auch in ihrem Institut herrscht Chaos, Bauarbeiten finden während der Vorlesungen statt, was Ursulas Nerven noch mehr anspannt.
Allein im Keller finden sie für ein paar Momente Ruhe, zumal hier etwas liegt, dass sie fasziniert und dem Institut auch große Reputation einbringen könnte: Eine Moorleiche, die Ursula mit Hilfe ihrer wie aus dem Nichts aufgetauchten wissenschaftlichen Mitarbeiterin Melanie (Carla Juri) säubert und erforscht. Zwischen Ursula und Melanie entwickelt sich eine seltsame Verbindung, denn die junge Frau scheint mehr über Ursula, deren Leben und ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter, aber auch zum Vater zu wissen, als erklärbar scheint.
Nach dem 1975 entstandenen „Tue Recht und scheue Niemand – Das Leben der Gerda Siepenbrink“ und dem 1980 gedrehten „Hungerjahre“ bildet „Im Spiegel meiner Mutter“ den späten Abschluss einer losen Trilogie, mit der die Autorin und Regisseurin Jutta Brückner von Mutter-Tochter-Beziehungen erzählt. In den 70er Jahren war Brückner neben Margarete von Trotta oder Helma Sanders-Brahms eine der prägenden weiblichen Stimmen des Neuen Deutschen Kinos, hatte im Gegensatz zu manch männlichen Kollegen jedoch oft Mühe, ihre Projekte finanziert zu bekommen. So liegt ihr letzter Film inzwischen schon über 20 Jahre zurück, mit Mitte 80 gelang es Brückner nun doch noch, einen weiteren, vielleicht letzten Spielfilm zu realisieren.
Dabei verlangt sie dem Zuschauer einiges ab, denn „Im Spiegel meiner Mutter“ mag sich auf den ersten Blick zwar wie ein konventioneller, von einer stringenten Narration geprägter Film wirken, erzählt jedoch assoziativ und springt lose durch die Zeiten. Bruchstückhafte Rückblenden deuten das schwierige Verhältnis zwischen Ursula und ihrer Mutter an, das von Eifersucht und Besitzdenken geprägt war, was den Abnabelungsprozess schwierig werden ließ. Zwischen diesen beiden Frauen stand stets der Vater, der sich ganz der Zeit von Ursulas Jugend entsprechend verhielt, eine Liebhaberin hatte, die Familie bald verließ.
Diese und andere Geheimnisse kommen nach und nach an die Oberfläche, auch dank der mysteriösen Figur der Melanie, die nicht ohne Grund stets nur mit Ursula zusammen im Bild erscheint, jedoch nie mit einer dritten Person. Ist sie nur das Figment von Ursulas Imagination? Vielleicht ihr jüngeres Ich, das der älteren Ursula nun bei der Verarbeitung der Vergangenheit hilft. Nicht zuletzt bei der Arbeit an der Moorleiche, mit der ein Blick in eine Vergangenheit möglich wird, ein Motiv, dass sich in den letzten Jahren immer wieder in deutschen Filmen findet, von Mareike Wegeners „Echo“ bis zu Laura Laabs „Rote Sterne überm Feld.“ Spuren der Vergangenheit verbirgt die Moorleiche, die nur langsam ans Licht kommen, so wie sich Ursulas Erinnerung nur langsam lichtet.
Auch wenn nicht jede Assoziation, jeder Gedankensprung in Jutta Brückners „Im Spiegel meiner Mutter“ unmittelbar schlüssig wirkt, nicht zuletzt die einmal mehr überzeugende Corinna Harfouch hält den Film zusammen und macht das Mutter-Tochter-Drama sehenswert.
Michael Meyns







