Dokus (ob im Kino oder TV), die aus der kriegsgebeutelten Ukraine berichten und die Opfer der wahllosen Zerstörungen zeigen, gibt es mittlerweile einige. Der rumänische Filmemacher Noaz Deshe geht mit „In Case We Never Meet Again” einen anderen, mutigen Weg. Zerbombte Wohnblöcke, Gefechte und ukrainische Soldaten sehen wir zwar auch in diesem Film – doch sie machen nur einen Bruchteil aus. Stattdessen präsentiert uns Deshe Bilder abseits des Schlachtfeldes: von spielenden Kindern, liebenden Paaren, Familien, die um Normalität ringen. So entsteht ein präzise erzählter Film, der seinen Schwerpunkt auf das Familien- und Beziehungsleben in Kriegszeiten legt
Über den Film
Originaltitel
In Case We Never Meet Again
Deutscher Titel
In Case We Never Meet Again
Produktionsland
DE,UA,US
Filmdauer
89 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Beau Willimon, Jordan Tappis, Zachary Guglin, Andro Steinborn, N
Regisseur
Noaz Deshe
Verleih
Port au Prince Pictures GmbH
Starttermin
28.05.2026
Der Krieg in der Ukraine hat das Leben von Millionen radikal verändert. Zwischen Drohnen- und Raketenangriffen und einer allgegenwärtigen Bedrohungslage versuchen die Menschen, ihren Alltag zu bewältigen – und ihr Familien- und Beziehungsleben irgendwie weiterzuführen. Roman und Tanya halten Kontakt zwischen Kanada und der Ukraine und planen ein baldiges Wiedersehen. Dies gestaltet sich allerdings als schwierig, da sich die Lage an der Front beständig ändert und Tanya in Kanada die Balance aus Berufsalltag und Kindererziehung gelingen muss. „In Case We Never Meet Again“ berücksichtigt außerdem die Perspektive der Kinder in der Ukraine. Lera und ihre Freunde suchen trotz Krieg nach Ablenkung und schönen Augenblicken. Ein Alltag zwischen Hoffnung und Angst – für die Kinder wie für die Erwachsenen.
„In Case We…“ ist ein Dokumentarfilm, doch in vielen Momente wähnt man sich eher in einem Kriegs-Drama oder fiktionalen Liebesfilm. Kein Wunder: Noaz Deshe verzichtet auf die typische „Wackelkamera“ und setzt stattdessen auf durchdachte Bildkompositionen und eine bewusste Lichtsetzung, die man aus Spielfilmen kennt. Dazu kommen surreale Spielszenen, in denen die Protagonisten ihre Träume visualisieren. Deshe weiß, wie man Spannung und Atmosphäre durch filmische Mittel erzeugt und narrative Elemente gekonnt auf Dokumentarisches treffen lässt.
Die Grenzen zwischen Doku und Fiktionalem verschwimmen noch an anderen Stellen. Wenn Deshe das ukrainische Mädchen Lera und ihre Freunde aus der Nachbarschaft bei der Umsetzung eines Theaterstücks begleitet, greifen Realität und Fiktion, Wahrheit und Inszenierung abermals direkt ineinander. In dem Stück, sowie in den Rollenspielen auf den Straßen ihres kriegszerstörten Viertels, verarbeiten die Kinder das Erlebte und den Ausnahmezustand „Krieg“.
Besonders nachdrücklich (und verstörend) sind die Szenen, in denen die ukrainischen Kinder auf den Straßen den Krieg nachspielen. Sie imitieren Schusswechsel und skandieren heroisch „Ruhm der Ukraine“ – die ukrainische Nationalflagge in der Hand. Sie ahmen Gefechte nach, bauen Kontrollposten aus Bauklötzen und schlüpfen in die Rollen von Generälen und Offizieren. Figuren, die ihnen Stärke, Macht und Schutz verleihen. Deshe heftet sich dicht an die Fersen der jungen Protagonisten, die sich vom Filmemacher und seiner Kamera scheinbar nicht gestört fühlen. In einer äußerst wahrhaftigen, unmittelbaren Szene trifft der „gespielte“ Konflikt der Kinder auf den „echten“ Krieg. „Für euch ist es nur ein Spiel“, ärgert sich die ältere Dame aus der Nachbarschaft. Sie erzählt den Kindern, dass sie im Krieg ihre gesamte Familie verloren habe – Mann, Sohn, Enkel, Neffe. „Alle tot.“
Noch näher als den Kindern und ihren Familien in der Ukraine kommt man Roman und Tanya, die der Regisseur abwechselnd besucht. Mal beobachtet er Roman bei seinen Kriegseinsätzen, mal begleitet er Tanya und die Kinder, die gemeinsam – und fern der heimischen Front – in Kanada leben. Und dann sind da die innigen Augenblicke zu zweit, in denen Roman und Tanya keinerlei Berührungsängste oder Beklemmung zeigen. „In Case we…“ dokumentiert Augenblicke größter Intimität und fängt das Liebespaar in sehr persönlichen, verletzlichen Momenten ein. Oft ganz ohne Worte. Später diskutieren sie ernste Themen und Fragen, die ihre Zukunft als Paar betreffen. Wie kann man mit dem Trennungsschmerz umgehen und die vielen Monate, in denen man sich nicht sieht, überstehen? Aber auch: Wo endet Treue und wo beginnt das Fremdgehen?
Zwischendurch sieht man das Paar mit den gemeinsamen Kindern. In diesen Passagen wie schon in den Szenen zuvor oder bei den Kindern in der Ukraine entsteht beim Betrachten immer das Gefühl, bei allen Ereignissen mittendrin zu stehen. Deshe erreicht das durch seine intimen und dennoch die nötige Distanz wahrenden Aufnahmen sowie die große Authentizität, die keiner Dramaturgie gehorcht.
Björn Schneider







