Kick, Der

Der Versuch einer Annäherung an einen Fall unfassbarer Brutalität. Der Film „American History X“ spielt für das, was in Andres Veiel („Blackbox BRD“, „Die Spielwütigen“) dokumentarischem Kammerspiel verhandelt wird, eine entscheidende Rolle. Ein Sprung auf den Hinterkopf eines 16-jährigen ist in beiden Fällen der Gipfel der Gewalt. Gezeigt aber wird sie in Veiels Film nicht. Denn was im Juli 2002 in der Uckermark geschah, das hat der mehrfach ausgezeichnete Regisseur zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt anhand von Protokollen verdichtet. Zwei Schauspieler geben den Tätern, ihren Eltern wie auch der Familie des Opfers ein Gesicht. In jedem Fall ist dies eine intensive Kinoerfahrung.

Webseite: www.pifflmedien.de

Deutschland 2006
Regie: Andres Veiel
Mit Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch
88 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Start am 21.9.06

PRESSESTIMMEN:

Andres Veiels Film über den bestialischen Mord an einem Jugendlichen gleicht einem Exerzitium. Doch trotz seiner Kargheit zeigt "Der Kick" eindringlich die Lebensumstände der Täter in der ostdeutschen Provinz – und wird so zum Porträt einer verlorenen Generation.
Spiegel Online

Mit den Mitteln des Brechtschen Theaters entwirft der minimalistische Film ein bedrängendes Mosaik, das die Tat in soziale, politische und historische Kontexte einbindet, ohne sich mit einzelnen Erklärungen zufrieden zu geben. – Sehenswert ab 16.
film-dienst

Der Film gibt beklemmende Einblicke in die trostlose ostdeutsche Provinz und in Menschen, die durch Langeweile, Gewalt und Alkohol unfassbar abgestumpft sind.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Gewalt spielt in Andres Veiels Filmen immer wieder eine Rolle, auch wenn der in Berlin lebende Regisseur und Autor sie nicht explizit ins Bild rückt. Gewalt wird bei ihm verhandelt, ihre psychologische Auswirkung und Motivation untersucht. In „Die Überlebenden“ war es die Rekonstruktion und das Verstehen wollen, warum sich ein ehemaliger Mitschüler umgebracht hatte. In „Black Box BRD“ ging es um die Verarbeitung der Ereignisse nach dem Mord an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und dem Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams. In „Der Kick“ nun beschäftigen sich Veiel und seine Dramaturgin Gesine Schmidt mit den Ereignissen des Mordes am 16-jährigen Marinus Schöberl, der am 13. Juli 2002 im Dörfchen Potzlow in der Uckermark gequält, getötet und schließlich in einer Jauchegrube vergraben wurde. Erst vier Monate später wurde die Leiche gefunden, der Fall vor Gericht gebracht und die Täter mit hohen Freiheitsstrafen belangt.

Da nicht daran gedacht werden konnte, die Ereignisse vor Ort mit der Kamera zu recherchieren, verlegten sich Veiel und Schmidt auf eine Verdichtung der Gerichts- und Verhörprotokolle sowie eigener Recherchen und Gespräche in Form eines Theaterstücks, das inzwischen an zahlreichen deutschsprachigen Bühnen mit Erfolg und in unterschiedlichen Fassungen aufgeführt wurde und wird. Ob es sich beim titelgebenden Kick um jenen tödlichen, aus dem Film „American History X“ stammenden Sprung ins Genick des Opfers oder um den Kitzel und die Lust des Quälens handelt, mag jeder für sich entscheiden. An der Monstrosität der Tat ändert dies nichts.

Anders als auf einer Bühne ermöglicht der Blick durch die Kamera aber eine größere Annäherung an die Darsteller. Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch, beide Schauspieler am Berliner Gorki-Theater, bewegen sich dabei wie in einer Versuchsanordnung, schlüpfen abwechselnd in die Rollen der Täter- und Opferfamilien oder von Potzlower Bürgern. Allein durch die Modulation ihrer Stimme, Veränderungen in der Körperhaltung, kleinen Gesten und den Blicken variieren sie die auftretenden Figuren. Das ist intensiv und ohne die Chance, den Aussagen und Blicken auszuweichen. Lediglich wenn Wrage und Lerch an anderen Stellen des Raumes neu Aufstellung beziehen, ergibt sich für einen kurzen Moment die Gelegenheit zum Durchschnaufen.

Während also auf der Leinwand geredet und den Gründen und Folgen von Verwahrlosung, Verrohung und Ignoranz nachgespürt wird, herrscht im Kino Sprachlosigkeit. Wieder einmal fordert Veiel sein Publikum heraus, versucht in seinen Texten den Motiven der Täterfiguren auf die Schliche zu kommen sowie Spuren einer gesellschaftlichen Allgemeingültigkeit zu entdecken. Damit nicht doch versehentlich eine Form von theatralischer Darstellung aufkam, bediente sich Veiel eines kleinen Tricks: viele Szenen entstanden zu nachtschlafener Zeit, zu der die Schauspieler viel zu müde waren, um effektiv spielen zu können. Auch als Zuschauer geht einem dieser Film an die Substanz.

Thomas Volkmann