Kommunist

Nicht nur als letzter Generalsekretär der SED ging Egon Krenz in die Geschichte ein, auch den umstrittenen Begriff Wende prägte der inzwischen 89jährige, vor allem aber war er mitverantwortlich für die Mauertoten, saß deswegen auch Jahre im Gefängnis. In „Kommunist“ versucht sich Lutz Pehnert an einer differenzierten Annäherung, die bisweilen erstaunlich, vielleicht auch befremdlich, wohlwollend ausfällt.

 

Über den Film

Originaltitel

Kommunist

Deutscher Titel

Kommunist

Produktionsland

DEU

Filmdauer

90 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Pehnert, Lutz

Verleih

Salzgeber & Co. Medien GmbH

Starttermin

11.06.2026

 

Lange Zeit war die Geschichtsschreibung von der Theorie der Großen Männer geprägt, von der Annahme, dass es vor allem bedeutende Männer waren, die den Lauf der Geschichte bestimmten und prägten, im Guten wie im Schlechten. Diese Theorie ist lange überholt, gerade in populistischen Beschreibungen erfreut sie sich jedoch immer wieder einiger Beliebtheit, schließlich ist es nicht unattraktiv, besonders die Schuld an Ereignissen, einer Person zuzuschreiben.

Wenn es etwa um die DDR geht, vor allem ihre Verbrechen, die Überwachung durch die Stasi, die zahlreichen Mauertoten und anderes Unrecht, wird im Nachhinein den Führen von Staat und Partei, möglichst alle Schuld zugewiesen, Ernst Honecker natürlich, Erich Mielke, aber auch Egon Krenz.

Dieser agierte im Herbst 1989 für 50 Tage als letzter Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, war derjenige, der bei einer Pressekonferenz den Begriff Wende prägte, saß als einer der wenigen für das in der DDR verübte Unrecht im Gefängnis und ist heute, mit 89 Jahren, einer der letzten noch lebenden Repräsentanten eines untergegangenen Staates, über den seit Jahrzehnten gestritten wird.

Wie man zu Egon Krenz steht funktioniert wie ein Lackmustest, zwischen Verachtung und Verklärung scheint es kaum Raum zu geben, Lutz Pehnert versucht in seinem Dokumentarfilm „Kommunist“ jedoch genau diesen Raum zu besetzen. Bislang hat Pehnert – selbst 1961 in Ost-Berlin geboren, der Vater DDR-Kulturminister, später erst als Journalist bei der Jungen Welt, dann als Filmemacher tätig – sich mit eher leichten Themen beschäftigt, drehte Filme über Ostrock oder Matrosen in der DDR, zunehmend kamen aber auch Filme hinzu, die sich mit der Erinnerung an den untergegangenen Staat beschäftigten, auch mit dem was gemeinhin Ostalgie genannt wird.

An der Küste Mecklenburg-Vorpommerns traf Pehnert eher zufällig auf Egon Krenz, der im Örtchen Dierhagen lebt, Gespräche wurden geführt, deren Protokolle den roten Faden des Films bilden.

Gesprochen werden die Worte jedoch nicht von Krenz selbst, sondern von einer weiblichen Sprecherin, die die Selbstbeschreibung Krenz’ mit sanfter, fast lieblicher Stimme spricht. Schwer zu sagen, ob Pehnert dies als ironischen Bruch intendierte oder ob er sich von der Begegnung mit dem Rentier einlullen ließ, sich allzu sehr auf dessen Sicht der Dinge einließ und darüber die journalistische Distanz vergaß. Für letzteres spricht eine bizarr anmutende Szene, in der Nachbarn von Krenz zu sehen sind, die von ihrer Überraschung berichten, als sie erfuhren, das nun genau der Krenz neben ihnen wohnt. Inzwischen ist aus Egon Krenz ein Freund geworden, man plaudert bei Kaffee und Kuchen, aber was soll das Aussagen? Über Krenz? Über die Geschichte der DDR? Das ein Mann Ende 80 ein netter Mensch sein kann dürfte niemanden überraschen, macht das mögliches Fehlverhalten Jahrzehnte vorher weniger problematisch?

Anhand von Archivaufnahmen zeichnet Pehnert Krenz Leben und Wirken nach, versucht den Politiker dabei als Teil der DDR-Geschichte zu porträtieren, der zwar an oberster Stelle mitwirkte, aber nicht zuletzt vom Lauf der Geschichte geprägt wurde, mithin nur bedingt für seine Entscheidungen verantwortlich zu sein scheint. Aufnahmen aus der Gegenwart wiederum zeigen Krenz bei Lesungen seiner umstrittenen Memoiren oder bei einer Veranstaltung zum 75 Jahrestag der DDR. Immer wieder wird hier deutlich wie schwierig es ist, eine Balance zwischen berechtigter Kritik an den Verbrechen der DDR zu halten, den Staat, der für viele Menschen Heimat war, aber nicht in Grund und Boden zu verdammen. Eine Balance, die auch Lutz Pehnert mit seinem Dokumentarfilm „Kommunist“ versucht, die aber nur bedingt gelingt.

 

Michael Meyns

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