Kon Tiki

Er gilt als der aufwendigste norwegische Film, der bisher gedreht wurde, und wird für sein Land ins Oscar-Rennen gehen: die Expedition des wohl berühmtesten norwegischen Wissenschaftlers und Abenteurers Thor Heyerdahl auf dem Floss „Kon Tiki“ von Peru nach Polynesien, mit der er 1947, entgegen den allgemein durchgesetzten Annahmen beweisen wollte, dass die paradiesische Inselwelt vor 1500 Jahren von Lateinamerika aus besiedelt worden war und nicht aus Richtung Asien. Die geglückte Expedition war der medialen Welt damals jedenfalls einen Oscar wert – der Dokumentarfilm über die Expedition erhielt ihn 1952. Die beiden jungen Regisseure Joachim Rønning und Espen Sandberg („Max Manus“) zeigen reichlich 60 Jahre später vor allem eine gut gebaute und unerschütterliche Männergruppe, die allen Anfechtungen trotzt. Ein richtiger Abenteuerfilm eben!

Webseite: www.kontiki-derfilm.de

GB, NO, DKN 2011
Regie: Joachim Rønning und Espen Sandberg
Darsteller: Pål Sverre Hagen,Anders Baasmo Christiansen,Jakob Oftebro, Tobias Santelmann, Gustaf Skarsgård, Odd-Magnus Williamson, Agnes Kittelsen
Filmlänge: 118 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 21. 03. 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein mitreißendes Wissenschafts- und Heldenepos. …fasziniert nicht zuletzt dank umwerfender Kameraarbeit und makelloser Tricktechnik als packendes, emotionales Großspektakel um große Themen."
DER SPIEGEL

"…eindrucksvoll …mit spektakulären Aufnahmen."
ARD Tagesthemen (ab 24’12”)

"Ein spannendes Psychogramm… Die Kon-Tiki wurde zum Mythos – der Kinofilm zeigt ihn uns jetzt ganz nah an der wahren Geschichte in großartigen Bildern."
ZDF Heute Journal

"…eine atemberaubende, wahre Geschichte."
ZDF Aspekte

FILMKRITIK:

Er ist ein eigensinniger junger Mann, dieser Norweger. Die erste Einstellung zeigt ihn als kleinen Jungen, der ohne zu zögern auf eine Eisscholle springt, um ein liegengebliebenes Werkzeug zu bergen, und der dabei fast ertrinkt. Später, als ihm seine Eltern das Versprechen abnehmen wollen, nie wieder so etwas Riskantes zu tun, wird er trotzig die Lippen zusammenpressen. Und dabei bleibt es. Dieser Trotz, dieser unbedingte Wille zum Abenteuer Forschung wird ihm Ruhm und ein aufregendes Leben einbringen, aber auch Verluste. Der erste wird der seiner großen Liebe sein.

Die Rede ist von Thor Heyerdahl, dem norwegischen Wissenschaftler, der am 7. August 1947 vor einer kleinen Insel im Tuamotu-Archipel auf Grund lief, nachdem er mit einigen wenigen Gefährten auf einem primitiven Floß von Peru aus zum Polynesischen Archipel aufgebrochen war, um zu beweisen, dass dieser vor 1500 Jahren nicht von Asien, wie bis dahin angenommen, sondern aus der entgegengesetzten Richtung besiedelt worden war, von Südamerika aus.

Für Heyerdahl war die Expedition der Durchbruch zu einer beispiellosen Karriere, nicht zuletzt, weil es ihm gelungen war, das Unternehmen medial zu verwerten. Nicht etwa, dass dieser unerschrockene junge Mann gierig gewesen wäre nach Ruhm, aber er brauchte das Geld. Es war also eher die Gier der anderen nach Anteilnahme am Abenteuer, die ihm die Reise ermöglichte. Die nachgestellten „alten“ Filmaufnahmen, die schön schwarz-weiß und wacklig flimmern, gehören zu den verspielten Momenten des Films, der sich mit jungenhaftem Charme zu einer Abenteuerromantik bekennt, der man sich nur schwer entziehen kann. Und natürlich ist es auch eine Hommage an das Kino, wenn die schlichte Handkamera von 1947 immer wieder ins Bild kommt, um ihre Motive einzufangen.

Der Film über die Expedition von 1947 ist der aufwendigste norwegische Film, der bisher gedreht wurde. Er bleibt mit seiner Geschichte nah an den Überlieferungen über die Expedition. Ob er dem Menschen Thor Heyerdahl wirklich nahe kommt, bleibt fraglich. Zeigt ihn Pål Sverre Hagen doch fast ausschließlich als den jungenhaften Strahlemann, der so sehr an seine Sache glaubt, dass jede Verunsicherung, die interessant sein könnte, geglättet wird.

Auch den beiden Regisseuren Joachim Rønning und Espen Sandberg („Max Manus“) ging es mehr um die bildgewaltige Ausschmückung des Abenteuers denn um Figurenpsychologie. In ihrer „Männergruppe“ ist zwar jeder Einzelne mit einer Vorgeschichte und charismatischen Attributen ausgestattet, dennoch bleiben die Figuren ein wenig plakativ, als müssten sie ihre Vorbilder aus dem wirklichen Leben übertrumpfen.

Dagegen hat man selten auf der Leinwand eine so illustre Auswahl makellos schöner Männerkörper gesehen (dem Caster sei Dank!), die sich unter brennender ozeanischer Sonne mutig den Gewalten entgegenstellen, die dort draußen, auf dem unendlich weiten Meer, ihrer harren. Da ist das obligatorische Gewitter auf hoher See erst der Anfang, sind die fliegenden Fische eher niedlich anzuschauen, aber dann kommt’s ziemlich dicke. Nicht nur, dass die mächtigen Stämme des Floßes in rasender Geschwindigkeit marode werden vom gefräßigen Salzwasser, da wimmelt es auch von Haien und Riesenwalen, wobei letztere eher friedlich unter dem Floss hindurchtauchen. Aber plötzlich sind die Haie da, und die Konflikte, die sich bis dahin nur leise angedeutet hatten, brechen sich Bahn in einer Art Blutrausch, bei dem die Männer einen Hai zerfleischen.

Die Szene ist irritierend in ihrer Gewalttätigkeit, aber irgendwie auch das Zentrum des Films, der sich nicht wirklich entscheiden kann zwischen Abenteuerfilm und der Hommage an einen außergewöhnlichen Menschen. Und wenn die Kamera vom einsamen Floss im unendlichen Meer nach oben schwenkt bis in die Untiefen der Milchstraße und wieder zurück zum blauen Planeten, gelingt dieser philosophische Überschlag ein wenig sentimental. Dagegen sind die Bilder von Mensch und Tier, wie sie friedlich nebeneinander koexistieren, überzeugender.

Als die Männer nach vielen Tagen bangen Hoffens auf einem Floß, das sie nicht steuern können, und mit einem Kapitän, der nicht einmal schwimmen kann, den sogenannten Humboldtstrom finden, der sie nach Polynesien bringen wird, ist das ein schöner Moment von kindlicher Ausgelassenheit und so etwas wie die Botschaft des Films, dass der Glaube an das alte Wissen der Menschheit uns allemal mehr zu sagen hat über unseren angestammten Platz im Universum als fortschrittsgläubige Allmachtsphantasien.

Nach 101 Tagen und 5000 Meilen bruchlandet das Floß an der polynesischen Küste, und Thor Heyerdahl küsst den Sand, auf dem er zehn Jahre zuvor schon einmal glücklich gewesen war und wo er erfahren hatte, dass die Vorfahren dieses Inselvolkes vermutlich von den Inkas abstammten, deren Sonnengott Kon-Tiki hieß.

Es ist vor allem ein Abenteuerfilm, mit dessen tollen Aufnahmen man sich in die Bücher seiner Jugend zurückträumen kann. Vielleicht waren darunter sogar die Expeditionsberichte eines Thor Heyerdahl aus Norwegen.

Caren Pfeil

Von welcher Richtung aus sind die polynesischen Inseln besiedelt worden? Gar über den Pazifik von Südamerika aus? Dem jungen norwegischen Forscher Thor Heyerdahl ließ die Frage keine Ruhe. Er wollte es unbedingt herausfinden und bestätigt wissen.

Man hielt das für undurchführbar, lachte ihn aus, gab ihm kein Geld. Doch Heyerdahl ließ nicht locker. Monate-, ja jahrelang trommelte er die Mittel zusammen, wurde sich bewusst, dass alles mit einem Floß aus Balsahölzern durchzuführen sei, machte Pläne und musste schließlich auch eine fähige Mannschaft zusammentrommeln.

Es gelang ihm. Freunde und Abenteurer machten mit. Eine solide Ausbildung hatte keiner, das Risiko war auf jeden Fall groß. Der eine oder andere konnte mit einem Funkgerät umgehen, der Hauptbeweggrund aller war aber, der Welt etwas „Unmögliches“ zu zeigen. Sechs Mann waren sie schließlich.

60er Jahre. Sie stachen in See. Der riesige Pazifik lag vor ihnen. Nun galt es zu segeln, Wache zu schieben, furchtbare Stürme und Windstille auszuhalten, die Hoffnung auf ein Gelingen nicht zu verlieren. Auf 100 Tage war das Abenteuer angelegt.

Natürlich kam auch der unabwendbare Koller auf. Das Verhältnis zwischen den Männern war auf Dauer nicht optimal. Besonders einer machte Schwierigkeiten, hatte Angst, stellte sich krank, belastete die Unternehmung.

Beinahe hätte ein Riff vor einer polynesischen Insel alles noch in Frage gestellt. Aber nach 101 Tagen war es geschafft. Der Beweis war erbracht, dass die Altvorderen vor ein paar tausend Jahren die Überfahrt von Peru nach Polynesien geschafft haben konnten und die Inseln besiedelten.

Heyerdahl wurde ein berühmter Mann. Sein Erlebnisbericht wurde Millionen Mal verkauft und verschlungen. Für seinen Dokumentarfilm bekam er einen Oscar. Erst im Jahre 2002 ist der 1914 Geborene dann verstorben.

Auf fast dokumentarische Weise wird in diesem Film der gefährliche Segelturn geschildert. Wer Interesse daran hat, dem wird nicht nur die Fahrt sondern auch die Vorbereitung
anschaulich dargeboten. Filmisch, vom Aufbau und von den eindrucksvollen Bildern her liegt die Arbeit über dem Durchschnitt. Die sechs Männer machen ihre Sache sehr gut. In Norwegen war, wie zu erwarten war, der Film ein Riesenerfolg. Das Land hat die Produktion für den Oscar eingereicht.

Thomas Engel