Le Lac

Zwei Menschen, die an einem Segelrennen in der Schweiz teilnehmen. Mit diesem Satz ist inhaltlich eigentlich alles über „Le Lac“ gesagt. Doch zwischen den Zeilen geht es um mehr. Da „Le Lac“ aber auf eine lineare Erzählstruktur und einen klassischen Plot verzichtet, ist der Film nicht für jeden geeignet. Um den tieferliegenden Botschaften und Themen dieses zwischen Doku, Essay und Drama angesiedelten Werks auf die Schliche zu kommen, bedarf es Aufmerksamkeit und genauer Beobachtung. Wer sich folglich auf die Langsamkeit und die metaphorischen Bilder einlässt, wird mit einer außergewöhnlichen, assoziativen filmischen Erfahrung belohnt. 

 

 

Über den Film

Originaltitel

Le Lac

Deutscher Titel

Le Lac

Produktionsland

CHE

Filmdauer

80 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Aragno, Fabrice

Verleih

Arsenal Filmverleih GmbH

Starttermin

18.06.2026

 

Anna (Clotilde Courau) und Vincent (Bernard Stamm) wagen ein großes Abenteuer: Mit ihrem Boot stechen sie in See und nehmen auf dem Lac Léman an einem Segelwettbewerb teil. Das Rennen auf dem Genfer See wird mehrere Tage dauern und die beiden fordern – aber ebenso intensive Momente großer Wahrhaftigkeit bereithalten. Die Schönheit, aber auch die Gewalt der Natur rücken in den Mittelpunkt. Vom Raschen der Fluten über den sternenklaren Himmel und die treibenden Wolken bis hin zum Schreien der Kormorane. Für Anna und Vincent beginnt eine kontemplative Reise der besonderen Art.

Die Hauptdarsteller Courau und Stamm ergänzen sich gut, nicht zuletzt aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit und Vorerfahrungen. Die 57-jährige Französin ist erfolgreiche Schauspielerin (und César-nominiert), während der Schweizer Stamm seit Jahrzehnten ein bekannter Profi-Segler ist. Sie stehen stellvertretend für das Fiktive und Dokumentarische. Dieser Umstand spiegelt sich bei „Le Lac“ gleichsam in der Genre-Einordnung.

Als vielschichtiges Doku-Drama konzipiert, vermengt Regisseur Fabrice Aragno „echte“ Aufnahmen einer Segelregatta (gefilmt mit Action- und Drohnenkameras) sowie Impressionen auf hoher See mit Spielszenen. Dabei kommt der Atmosphäre eine tragende Rolle zu, für die Aragno keinerlei Dialoge benötigt. Stattdessen nutzt er eine malerische, stellenweise poetisch-entrückte Bildsprache und Naturaufnahmen, um dem Betrachter einen authentischen Eindruck vom Leben auf dem Wasser zu vermitteln.

Dieser Ansatz funktioniert gerade in der ersten Filmhälfte gut, doch irgendwann stellen sich aufgrund des Verzichts auf eine klare Handlung und Erzählstruktur Längen ein. Und: Redundanzen. In diesem Sinne war es eine sinnhafte Entscheidung Aragnos, seinen Film insgesamt kurz zu halten (Spieldauer: 75 Minuten). „Le Lac“ ist für Fans stimmungsvoller Dokus und Liebhaber anspruchsvoller Arthouse-Produktionen gemacht, die sich nach Sichtung gedanklich gern länger mit einem Werk befassen. Denn der Film bietet viel Raum für Interpretation und verschiedene Lesarten.

Die immer wieder einsetzende Stille ebenso wie die Bilder der tosenden, dunklen See stehen metaphorisch für Einsamkeit, Isolation und Ohnmacht. Hinzu kommen Themen wie Trauer und Verlust, die Aragno subtil andeutet. Anna und Vincent sprechen kaum miteinander, dies könnte für eine bereits weit fortgeschrittene Entfremdung des Paares sprechen. Dann wiederum gibt es Momente tiefer Verbundenheit und Intimität, etwa wenn sie während des Unwetters ganz eng zusammenrücken. Zwischendurch streut Aragno Flashbacks, oder besser: Erinnerungsfetzen, ein, die man als Rückblenden in eine glücklichere Vergangenheit deuten kann. Doch auch in diesen Momenten bleibt vieles vage. Es zeigt sich abermals: Als Zuschauer muss man sich ganz bewusst auf diesen andeutungsreichen, elliptischen Stil einlassen, der bewusst von Leerstellen und Sprunghaftigkeit geprägt ist.

Anna und Vincent kommt man nur vereinzelt richtig nah. Aragno hält sie durch den Verzicht auf Hintergrundinformationen und Gespräche auf Distanz zum Betrachter. Ihr Austausch erfolgt über nonverbale Kommunikation und Blicke. Dennoch darf die Leistung von Courau und Stamm nicht unerwähnt bleiben. Mit reduzierten Mitteln und dank ihrer ungemein feinfühligen Darstellung lassen sie ihre Figuren menschlich glaubhaft und komplex erscheinen – allein durch ihre Körpersprache, Gestik und Mimik.

 

Björn Schneider

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