Erst mit Anfang 50 hat es Vicente geschafft, zu seinem Schwulsein zu stehen. Seitdem lebt der mittlerweile 76-Jährige frei und erfüllt auf Gran Canaria. Durch einen tragischen Zwischenfall verliert er jedoch seine lange erkämpfte Autonomie und Unabhängigkeit. „Maspalomas“ ist ein visuell eindrucksvolles, metaphorisch aufgeladenes Drama über gesellschaftlich relevante, tabuisierte Aspekte und Fragen. So geht es u.a. um die Situation älterer queerer Menschen und die Herausforderung eines selbstbestimmten Lebens im Alter.
Über den Film
Originaltitel
Maspalomas
Deutscher Titel
Maspalomas
Produktionsland
ES
Filmdauer
109 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Ander Barinaga-Rementeria, Xabier Berzosa, Ander Sagardoy, Ferna
Regisseur
Aitor Arregi
Verleih
Salzgeber & Co. Medien GmbH
Starttermin
24.09.2026
Vicente (José Ramón Soroiz) führt ein selbstbewusstes, unabhängiges Leben als offen homosexueller Mann auf Gran Canaria – zwischen Partys, Sonne und Strand. Eines Tages verändert ein Schlaganfall alles. Seine Tochter bringt ihn in ein Pflegeheim ins heimische San Sebastián. Dort wird Vicente in alte Denk- und Verhaltensmuster zurückgeworfen: Aus Angst vor Ablehnung verschweigt er erneut seine sexuelle Identität. Erst die Begegnung mit einem anderen Heimbewohner gibt ihm Kraft.
In seinem Titel verweist der vom baskischen Regie-Duo Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga inszenierte Film auf den gleichnamigen Ort im Süden Gran Canarias. Maspalomas gilt als Schwulenmekka Europas. Weltberühmt sind die dortige Gay Pride und der Strandabschnitt 7, ein beliebter Treffpunkt der LGBTQ+-Community – idyllisch unweit des Meeres gelegen und eingebettet in eine einzigartige Landschaft aus Sanddünen.
Die anfänglichen Szenen in Maspalomas sind durchzogen von Energie, Lebenslust und Positivität. Dazu tragen nicht zuletzt die sonnendurchfluteten Impressionen der Trauminsel mit ihren weitläufigen Dünen und dem türkisblauen Meer bei. Durch die visuell kraftvolle, farbintensive Bildsprache gehen die in der Luft liegende Freude und Freiheit förmlich auf den Betrachter über.
Und dann folgt ein harter Schnitt – sowohl in Sachen Bildsprache als auch Tonalität. Denn im konservativen Pflegeheim dominieren Tristesse, Schmerz und ein Gefühl der beklemmenden Enge. Dem selbstbestimmten Leben auf den Kanaren ist ein deprimierender Seniorenheim-Alltag gewichen. Vicente muss nach seinem Schlaganfall erst wieder mühsam zu Kräften kommen und ist abhängig von anderen. Es gibt feste Tagesstrukturen, einzuhaltende Behandlungstermine und starre Heimregeln – das Gegenteil seines alten, freien Lebens zwischen Urlaubsfeeling, Strand 7 und nächtlichen Discobesuchen.
Am schmerzlichsten es ist mit anzusehen, wie sich Vicente aus Scham selbst verleugnet, sich zunehmend zurückzieht und niemanden von seiner wahren Sexualität erzählt. Nun kämpft er wieder mit jenem alten, belastenden Gefühl der Einsamkeit und Ablehnung. Dinge, die längst überwunden schienen. Gleichzeitig bricht sich sein (unterdrücktes) Verlangen immer wieder Bahn – was bisweilen zu heiteren, befreienden Momenten führt.
Unter der Decke und im Schutz der Nacht scrollt sich der Senior durch Gay-Dating-Profile und sucht nach Kontakten. Oder er schaut sich Fotos von Ex-Lovern an. Männer, die er in Maspalomas kennengelernt hat. Diese bittersüßen, wehmütigen Szenen stehen symbolisch für Vicentes wahre Identität – die in er in seiner neuen Umgebung nicht offen zeigen kann. Besonders nachdrücklich und metaphorisch aufgeladen ist der Moment, in dem ihm, an den Rollstuhl gefesselt, feiner Dünensand aus dem Hosensaum rieselt. „Mitbringsel“ aus seiner Zeit auf Gran Canaria. Plötzlich spürt Vicente durch den Sand nochmal die verloren geglaubte Wärme und das wohlige Gefühl der Freiheit auf seiner Haut. Doch nur für wenige Sekunden.
José Ramón Soroiz bleibt als innerlich zerrissene Hauptfigur mit einer eindringlichen und schonungslos offenen Darstellung im Gedächtnis. Selbiges gilt für die vielen Facetten und Motive, die Arregi und Goenaga stimmig und stilsicher zusammenführen. Neben der Sichtbarkeit älterer Queers und der Frage nach gelebter Sexualität im Alter, verhandelt der Film respektvoll die Schattenseiten des Älterwerdens. Es geht um Krankheiten, Entmündigung und den Verlust der Autonomie. Darüber hinaus schlägt das Drama leise Töne der Versöhnung an. Beispielhaft verhandeln die Regisseure dies anhand der komplizierten Beziehung von Vicente und seiner Tochter, die 25 Jahre kein Wort miteinander gewechselt haben.
Björn Schneider







