Nachdem er in einem deutschen Krankenhaus nur knapp eine Covid-Erkrankung überlebte, blieb der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev gleich im Exil, lebt nun in Frankreich – und kann, geschützt durch die Distanz, so harsch und schonungslos über sein Land erzählen, wie nie zuvor. Diese Freiheit nutzt er im herausragenden „Minotaur“ für ein Abbild einer patriarchischen Gesellschaft, die im Großen wie im Kleinen allzu oft und leicht zur Gewalt neigt. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Zvyagintsev dafür mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.
Über den Film
Originaltitel
Minotaur
Deutscher Titel
Minotaur
Produktionsland
FRA,DEU,LVA
Filmdauer
135 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Zviaguintsev, Andreï
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
01.01.1972
In einer namenlosen russischen Provinzmetropole gehört Gleb (Dmitriy Mazurov) zur Oberklasse: Mondänes Haus, gute Anzüge, eine schöne Frau. Gleb hat alles, auch wenn er als Chef eines Transportunternehmens gerade mit Problemen zu kämpfen hat, denn immer mehr Mitarbeiter machen sich aus dem Staub. Wir schreiben das Jahr 2022, Putins Krieg gegen die Ukraine hat gerade begonnen, bzw. die „militärische Spezialoperation“, wie es im offiziellen Sprachgebrauch nur heißt.
Den verwendet etwa der Bürgermeister (Vladimir Friedman) mit dem Gleb per Du ist, mit dem er Vodka trinkt, der immer ein offenes Ohr für die Probleme der Elite hat. Doch auch der Bürgermeister kann die Anordnung von oben, 150 „Freiwillige“ für den Krieg zu benennen, nicht ignorieren und gibt ihn an die wirtschaftliche Elite weiter.
Auch Gleb soll 14 Angestellte nennen, die rekrutiert werden, ansonsten kommt die Miliz und bedient sich selbst. Glebs Lösung: Er stellt kurzerhand 14 neue Fahrer ein und gibt deren Informationen an das Rekrutierungsbüro…
Doch auch privat knirscht es, so schön die Oberfläche auch glänzt. Glebs Frau Galina (Iris Lebedeva) wirkt gelangweilt und distanziert, im Ehebett herrscht flaute, noch nicht einmal gute Nacht sagen die Ehepartner zueinander.
Dem Patriarchen scheint die Kontrolle zu entgleiten, auch wenn er für den Sohn Seryozha (Boris Kudrin) immer noch gute Ratschläge auf Lager hat. Beim Streit mit einem Bully in der Schule soll der Sohn Gewalt androhen, aber nur androhen, denn wer immer einen Streit eskalieren lässt wird verlieren, weil er der dümmere ist. Eine Weisheit, die nicht nur der oberste Bully des Landes ignoriert hat, sondern auch Gleb bald vergessen haben wird.
Denn bald bestätigt sich sein Verdacht, dass Galina eine Affäre hat. Regelmäßig trifft sie in einem Plattenbau in der Stadt den jungen, attraktiven Fotografen Anton (Yuriy Zavalnyouk), der zwar nicht reich ist, aber das Leben genießt. Ohne wirklich zu wissen warum, klingelt Gleb bei Anton, sitzt auf dessen Sofa, sieht Aktfotos seiner Frau und die Situation eskaliert.
Wenn man weiß, dass Andrey Zvyagintsev siebter Film „Minotaur“ das Remake von Claude Chabrols „Eine untreue Frau“ ist, weiß man, was nun kommt. Doch während der französische Altmeister seinen Blick auf die Strukturen einer gescheiterten Ehe wirft, hat Zvyagintsev das Abbild einer ganzen, verrohten, brutalen Gesellschaft im Sinn.
Einmal steht Gleb an einem Bahnübergang und sieht einen Zug vorbeifahren, der Panzer an die Front liefert, ein anderes Mal besteigen Rekruten gerade einen Bus, der sie vielleicht so verkrüppelt zurückbringen wird, wie der Mann ohne Bein, der ein anderes Mal am Rand des Bildes zu sehen ist. Die Realität des Krieges, auch der Proteste gegen ihn, schiebt sich langsam in die filmische Erzählung, propagandistische Plakate, die jedem Rekruten 500.000 Rubel versprechen sind zu sehen, aber auch Graffitis, die den Krieg verdammen.
Ohne die Allegorie durch zu deklinieren, ohne die Parallelen im persönlichen Verhalten von Gleb und dem Verhalten des Staates auf den Punkt zu bringen, deutet Zvyagintsev an, dass sich beides aus derselben Moralvorstellung speist – bzw. ihrer Abwesenheit. Zu Hause schafft es Gleb kaum einmal, einen Teller in den Geschirrspüler zu stellen, im Büro kommandiert er seine Angestellten herum, er weiß, dass er zur Elite der Gesellschaft gehört, die Probleme einfach verschwinden lassen kann, die sich nicht um Regeln oder Gesetze kümmern muss. „Warum machen wir den Scheiß eigentlich überhaupt?“ sagt ein Polizist einmal zu einem anderen, wenn sie ihre Ermittlung trotzt stichhaltiger Beweise einstellen müssen, denn es kam ein Anruf „von oben“, der Täter ist unantastbar, die Regeln gelten nicht für alle.
„Minotaur“ zeigt eine verrohte Gesellschaft, seziert in brillanten Breitwandbilder die Strukturen einer Welt, die ohne Moral und Anstand funktioniert und von Männern beherrscht wird, die keine Konsequenzen für ihr Tun befürchten müssen.
Michael Meyns







