Natur vor uns, Die

In seinem Dokumentarfilm „Die Natur vor uns“ zeichnet Niels Bolbrinker Leben und Werk des Fotografen Alfred Erhardt nach. Dieser zählte in den 30er Jahren des 20 Jahrhunderts zu den ersten Fotografen, die die Natur nicht ob ihrer offensichtlichen Schönheit ablichteten, sondern sich für geometrische, abstrakte Formen in der Natur interessierte. Mit diesem Ansatz beeinflusste Erhardt Generationen von Fotografen und geriet dabei selber etwas in Vergessenheit, was dieser Film – coproduziert von der Alfred-Erhardt-Stiftung – zu ändern versucht.

Webseite: realfictionfilme.de

Deutschland 2008, 82 Minuten, Format: 1:1,85
Regie: Niels Bolbrinker
Buch: Niels Bolbrinker, Christiane Stahl
Kamera: Niels Bolbrinker
Schnitt: Niels Bolbrinker
Musik: Christoph Dejean
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 18. September

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Zu Beginn von Niels Bolbrinkers Film stellt eine sonore Stimme eine Frage, die die Kunsttheorie seit langem beschäftigt: Was macht ein Kunstwerk aus? Ist die Natur an sich schon ein Kunstwerk oder wird sie erst durch die wie auch immer geartete Abbildung durch einen Künstler, zu einem Kunstwerk? Lose durchzieht diese Frage den biographischen Film über den Fotografen Alfred Erhardt, der sich in seiner Arbeit einer Art Antwort genährt hat. Die Karriere des 1901 in Thüringen geborenen Erhardt begann als Maler abstrakter Formen. Am Dessauer Bauhaus machte er Bekanntschaft mit den Arbeiten und Theorien von unter anderem Wassily Kandinsky und Josef Albers, die ihn nachhaltig beeinflussten. Fortan suchte er nicht mehr in der Malerei nach einer Möglichkeit gegenständliche Formen in Abstraktionen zu verwandeln, sondern fand diese abstrakten Formen in der Natur. Nicht ganz freiwillig, denn die mit dem Dritten Reich einhergehende Verfemung von abstrakter Malerei zwang Erhardt wie so viele andere Künstler, sich auf andere Ausdrucksformen zu konzentrieren. Die Fotografie bot sich insofern an, als das Regime diese nicht verbot, auch wenn sie ganz im Sinn der abstrakten Kunst stand. So begann Erhardt die von Wind und Wetter entstandenen Sandformationen im Wattenmeer, in der Kurischen Nehrung, sowie die bizarren Gesteinsformationen auf Island zu fotografieren. Das Ergebnis waren eindringliche schwarz-weiß Aufnahmen, die einen Blick auf die Natur warfen, wie er bis dahin undenkbar schien. Nicht mehr die offensichtliche Schönheit von Landschaften, dem Meer und dem Himmel zeigte Erhardt, sondern die gleichermaßen vielfältigen und auf erstaunliche Weise wiederholenden geometrischen Formen der Natur.

 

Die Einordnung Alfred Erhardts in die Fotografiegeschichte bleibt etwas blass. Außer wohlwollenden Interviews mit einer isländischen Kunsthistorikerin – die bei einigen Publikationen mit der Alfred-Erhardt-Stiftung zusammengearbeitet hat – und einem litauischen Fotografen findet sich da wenig. Angesichts der etwas schwammigen Produktionsgeschichte dieser Dokumentation drängt sich somit die Frage nach einem Interessenkonflikt auf. Von einer unabhängigen, kritischen Annährung an das Thema kann jedenfalls kaum die Rede sein.

Unbestreitbar bleibt die Qualität der Arbeit Alfred Erhardts, seiner Fotografien und auch seiner dokumentarischen Filme, der so genannten „Kulturfilme.“ Allein um diese Aufnahmen auf der Leinwand zu sehen lohnt der Besuch dieses Films, mehr als ein überaus wohlwollendes Portrait Erhardts liefert Niels Bolbinker mit „Die Natur vor uns“ allerdings nicht ab.

Michael Meyns