Kinder im Horrorkino als Quelle des Unheils sind ebenso ein alter Hut wie ein Umzug aufs Land, der statt Ruhe Angst und Schrecken mit sich bringt. Obwohl die finnische Filmemacherin Hanna Bergholm in ihrer zweiten abendfüllenden Leinwandarbeit bestens vertraute Konventionen aufwärmt, entsteht in „Nightborn“ eine effektive Gruselatmosphäre. Das Ergebnis ist sicherlich keine Genreoffenbarung, aber ein Schauerstück in Sachen Eltern- und Mutterschaft, das sich als Alternative zu den plärrenden, formelhaften 08/15-Schockern aus den Multiplexen anbietet.
Über den Film
Originaltitel
Yön lapsi
Deutscher Titel
Nightborn
Produktionsland
FIN, LIT, FRA, GBR
Filmdauer
92 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Daniel Kuitunen
Regisseur
Hanna Bergholm
Verleih
Alamode Filmdistribution oHG
Starttermin
06.08.2026
Raus aufs Land und dort eine Familie gründen – mit diesem Ziel bahnen sich Saga (Seidi Haarla) und ihr britischer Ehemann Jon (Rupert Grint) ihren Weg durch dichte finnische Wälder, um zum Haus von Sagas Oma zu gelangen. Einsam gelegen und massiv renovierungsbedürftig, wirkt das Gebäude nicht gerade einladend. Und doch sind sich die beiden sicher, dass sie an diesem Ort ihr Glück perfekt machen wollen. Zum Sex kommt es dann auch in der verwunschen anmutenden Natur, die schon Sagas Großmutter fürchtete.
Vom Lustschrei schneidet der Film auf das schmerzerfüllte Brüllen während der Geburt um, bei der Jon eine Ladung Blut ins Gesicht spritzt. Dass ihr Sohn seltsam behaart auf die Welt kommt, irritiert. Zumindest Jon ist aber fest entschlossen, diesen Umstand auszublenden. Seine Frau hingegen fällt es schwer, eine Bindung zu dem oft lauthals schreienden Baby aufzubauen. Mehr noch: Sie fürchtet, dass etwas mit dem Kleinen nicht stimmen könnte, beobachtet ihn mit Argusaugen und legt eigenmächtig einen anderen als den anfangs geplant Namen fest. Wenig hilfreich ist darüber hinaus ihr Empfinden, permanent von ihrer Umgebung beurteilt und kritisiert zu werden.
„Nightborn“, Hanna Bergholms erstes weitgehend auf Englisch gedrehtes Projekt, passt gut zu ihrem Debütwerk „Hatching“, das im Jahr 2022 auf diversen Festivals für Furore sorgen konnte. Standen dort die furchteinflößenden Tücken der Pubertät im Fokus, dreht sich dieses Mal alles um die unbehaglichen Seiten des Elter-, vor allem aber Mutterseins. Das filmisch in letzter Zeit vermehrt, etwa in „Mother’s Baby“ oder „Die My Love“, verhandelte Thema der postpartalen Depression scheint immer mal wieder durch, ebenso der Erwartungsdruck, dem sich besonders Mütter häufig ausgesetzt sehen. „Nightborn“ ist allerdings weniger ein psychologisches Drama, sondern klar in der Motivwelt des Horrorgenres verankert.
Ein Kind, dem etwas Unheimliches anhaftet, das böse sein könnte, ein Umzug in die finnische Pampa und ein Paar, das sich ob der Erfahrungen langsam entzweit, bei dem nur eine Hälfte die Gefahr erspürt – die oft durchgespielten Elemente, mit denen Bergholm hantiert, dürften Fans des Horrorkinos nicht vom Hocker hauen. Umso erfreulicher, dass die Regisseurin wenig Lust verspürt, auf den Laut-und-knallig-Zug aufzuspringen, der durch viele gegenwärtige Gruselproduktionen rast. Schockeffekte am Fließband, begleitet von einer möglichst aggressiven Tonspur, sind noch lange keine Garanten für ein unter die Haut kriechendes Filmerlebnis.
Auch „Nightborn“ wartet mit einigen Paukenschlägen auf, ist manchmal ein bisschen ekelig. Nur werden diese Momente wohldosiert auf die gesamte Laufzeit verteilt. Hauptquellen der Verunsicherung bleiben die beängstigende Grundidee, die Zweifel einer Mutter an ihrem eigenen Kind, dessen Gesicht das Publikum übrigens erst zum Schluss zu sehen kriegt. Kleine Details wie Sagas immer ungepflegtere Fingernägel spiegeln ihren schlechter werdenden seelischen Zustand. Worauf das häusliche Druckszenario in groben Zügen hinausläuft, ist absehbar. Auf die Zuschauer wartet allerdings eine Volte, die zu einem, wenn man so will, makaber-bizarren Happy End führt. Das Lächeln, das sich an dieser Stelle abzeichnet, hat einerseits etwas Herzerwärmendes, gleichzeitig aber auch genug Verstörungspotenzial, um die Zuschauer noch länger zu beschäftigen. Ob Hanna Bergholm beim nächsten Film den Schrecken des Rentnerdaseins bebildert? Keine Ahnung! Aber toll wäre es, wenn die Finnin dem Horrorkino erhalten bliebe…
Christopher Diekhaus







