Die kleine Lovestory war der große Darling des diesjährigen Queerfilmfestivals. Mit Abstand die besten Besucherzahlen. Ausverkaufte Vorstellungen in Berlin, Köln, Frankfurt, Düsseldorf und Wien. Der britische „Guardian“ adelt das walisische Drama gar durch den Vergleich mit „Brokeback Mountain“. Erzählt wird von Muschelfarmer Jack und dessen hartem Job an der rauen Küste. Er ist glücklich mit seiner Jugendliebe verheiratet. Bis ein junger Aushilfsarbeiter in der abgelegenen Gemeinde auftaucht und dem Familienvater gehörig den Kopf verdreht. Jacks homophober Bruder freilich weiß, wie man Hetze gegen Außenseiter befeuert.
Über den Film
Originaltitel
On the Sea
Deutscher Titel
On the Sea
Produktionsland
GBR
Filmdauer
111 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Helen Walsh
Verleih
Salzgeber & Co. Medien GmbH
Starttermin
05.11.2026
„Das ist nicht dein Kampf!“, beschwichtigt Maggie ihren Mann Jack, der einen Streit im Pub schlichten möchte. Es geht um den Lohn, den ein Einheimischer einem Fremden schuldet. Am nächsten Tag trifft der Muschelfarmer diesen jungen Daniel wieder, der einen neuen Job als Matrose bei seinem Kumpel Bernie gefunden hat. Als der alte Seemann von streitsüchtigen Teenagern bedrängt und über die Kaimauer gestoßen wird, eilen Jack und Daniel spontan zu Hilfe. Der Vorfall, an dem Jacks Teenager-Sohn Tom beteiligt ist, wird fatale Folgen für Kapitän Bernie haben. Auch die beiden Helfer kommen sich erstmals näher.
„Ich war nie hübsch genug, um jemandes Liebhaber zu sein“, wird der junge Wanderarbeiter dem älteren Muschelfarmer erzählen, als die beiden auf Bernies Kahn zum Fischen auslaufen. Beim Plaudern kommen sich die Männer näher, bleiben aber noch vorsichtig. Halb zog er ihn, halb sank er hin, heißt es schließlich bei einem Besuch von Jack in Daniels Wohnung. Die heimliche Liebe wächst und mit ihr die Leidenschaft. Jack entdeckt völlig neue Welten, von denen er insgeheim schon lange geträumt hat. Sein homophober Bruder Dyfan entdeckt das Paar bei einer lauschigen Schiffstour. „Fischen wart ihr da wohl nicht!“, feixt er und beginnt alsbald mit Intrigen und Klatsch. Mit dem Schachzug will er den geächteten Jack aus dem Familienbetrieb drängen. Wie werden Frau und Sohn auf das unfreiwillige Outing reagieren? Und das bigotte Dorf? Was sagt Daniel zu der neuen Lage? Zu allem Überfluss meldet sich nach langer Remission auch der Krebs zurück.
Elf Jahre liegt das Kinodebüt „The Violators“ der preisgekrönten Romanautorin Helen Walsh zurück. Zeit lässt sich die Britin auch beim Erzählen ihres zweiten Films. Behutsam und mit großer Glaubwürdigkeit setzt sie ihr Figurenkarussell in Gang. Da ist der wackere Familienvater Jack (Barry Ward), der mit seiner Jugendliebe Maggie (Liz White) glücklich ist, aber mit Ratlosigkeit auf seinen rebellischen Teenie-Sohn Tom (Henry Lawfull) reagiert. Der will vom Muschelgeschäft nichts wissen und treibt sich lieber mit seinen kriminellen Kumpeln herum. Da ist der ruppige Bruder Dyfan (Celyn Jones), der sich den Familienbetrieb gern unter den Nagel reißen möchte. Und da ist jener junge Wanderarbeiter Daniel (Lorne MacFadyen), der sich locker in der toxischen Männerwelt behauptet, dabei seine sexuelle Identität jedoch nicht verbirgt.
Den kleinen Kosmos an der rauen Küste entwickelt Helen Walsh mit psychologischer Präzision und gutem Gespür für die visuelle Umsetzung. Gleich zum Auftakt gibt es Szenen vom harten Arbeitsalltag der Muschelfarmer, die hüfttief im Meer stehen. Ein Knochenjob in kraftvollen Bildern, bei denen Schlamm und Kälte regelrecht spürbar werden. Auch mit den intimen Szenen geht Walsh souverän um. Kein Klischee der harten Jungs, die wild übereinander herfallen. Auch kein Weichzeichner oder Kitsch. Auch hier setzt Glaubwürdigkeit die Tonalität.
Schauspielerisch vermag die Lovestory gleichfalls zu überzeugen. Der Ire Barry Ward („Bad Sisters“, „Dating Amber“) ist als Jack in fast jeder Szene zu sehen und verleiht dem verunsicherten Helden mit spätem Coming-out große Wahrhaftigkeit und großes Empathiepotenzial. Lorne MacFadyen („Starstruck“, „Vigil“) als Liebhaber Daniel bietet charismatische Leinwandpräsenz der unangestrengten Art. Derweil darf Celyn Jones als intriganter Kotzbrocken-Bruder dem Affen gehörig Zucker geben.
Beim Erzähltempo mag „On The Sea“ ein dramaturgisches Tretboot sein, bei der emotionalen Wucht ist der Film dagegen ein Katamaran der verborgenen Gefühle. Statt wohlfeiler Coming-Out-Weisheiten bleiben Widersprüche nicht ausgespart. Das zeigt sich in Dialogen wie: „Jeder hat eine Wahl. Entweder man lebt eine Lüge. Oder eben nicht.“ „Meine Ehe war keine Lüge.“ „Was wir auf dem Schiff hatten, war auch keine Lüge.“ Vor Gericht und auf hoher See ist man bekanntlich in Gottes Hand.
Dieter Oßwald







