Ondine – Das Mädchen aus dem Meer

Neil Jordan inszenierte in seiner Heimat Irland eine zauberhafte Liebesgeschichte, in der eine junge Frau und ein stoischer Fischer nach zaghafter Annäherung zueinander finden. Der von Christopher Doyle stilvoll fotografierte Film spielt mit Motiven aus alten Sagen und Mythen, wobei Jordan in letzter Konsequenz die märchenhafte Aura zugunsten einer doch recht konventionellen Dramaturgie aufgibt. Gleichwohl überwiegen am Ende die positiven Eindrücke – auch dank eines starken Colin Farrell.

Webseite: www.ondine-derfilm.de

OT: Ondine
IRL/USA 2009
Regie & Drehbuch: Neil Jordan
Musik: Kjartan Sveinsson
Darsteller: Colin Farrell, Alicja Bachleda, Alison Barry, Dervla Kirwan, Tony Curran, Stephen Rea
Laufzeit: 111 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 14.10.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Frau aus dem Meer. In der Überlieferung alter Mythen und Legenden hat sie die Jahrhunderte überlebt. Mal nennt man sie Nixe, dann wieder Meerjungfrau, Wassergeist oder Undine. Die Schotten und Iren bezeichnen ein solches Fabelwesen gemeinhin als „Selkie“, was übersetzt soviel wie Robbenfrau bedeutet. Dem Begriff liegt die Vorstellung zugrunde, dass eine „Selkie“ beim Verlassen des Wassers ihr Fell ablegen und ab dann in Menschengestalt weiterleben kann. Es ist der Stoff, aus dem nicht selten Märchen sind oder – eine andere Möglichkeit – Filme von Neil Jordan. Der irische Regisseur und Oscar-Preisträger hat im Verlauf seiner Karriere immer wieder bewiesen, dass sein Herz nicht zuletzt für das Fantastische, das Andere schlägt.

Sein neuer Film „Ondine“ fordert vom Zuschauer bereits ganz zu Anfang ein, sich auf eine ungewöhnliche Gratwanderung zwischen alter Sage und modernem Liebesdrama einzulassen. Alles beginnt damit, dass dem raubeinigen Fischer Syracuse (Colin Farrell) eines Tages kein Fisch sondern eine junge, bildhübsche Frau (Alicja Bachleda) ins Netz geht. Erschrocken und überrascht zugleich bietet Syracuse der namenlosen Schönheit seine Hilfe und eine Unterkunft an. Die Frau ohne Vergangenheit lässt ihn fortan nicht mehr los, wobei er seiner eigenen Tochter Annie (Alison Barry) die Begegnung zunächst verschweigt und ihr stattdessen ein nur scheinbar erdachtes Märchen erzählt. Allzu lange kann er diese Version jedoch nicht aufrecht erhalten. Annie merkt, dass ihr Vater etwas verschweigt und so kommt sie sehr bald hinter sein Geheimnis. Während sich zwischen dem Mädchen und der jungen Frau eine tiefe Freundschaft entwickelt, spürt Syracuse, dass er weitaus mehr für seine neue Bekannte empfindet.

„Ondine“ ist ein typischer Genre-Zwitter, dessen einzelne Teile allerdings auch zusammengefügt ein in sich stimmiges Bild abgeben. Je mehr man über die geheimnisvolle Unbekannte erfährt, desto mehr schwindet die anfangs von Jordan zielsicher etablierte märchenhafte Aura zugunsten eines eher konventionellen, dabei aber stets emphatischen Liebesdramas. Allein der Moment, in dem Ondines Vergangenheit in den beschaulichen Fischerort endgültig Einzug hält, mag sich nicht so recht in den übrigen, betont leise erzählten Film einfügen. Ob man es eher bedauert oder begrüßt, dass Jordan am Ende keinen Zentimeter Raum für Interpretationen und Zweideutigkeiten lässt, ist hingegen mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die kurzen Ausflüge auf kriminalistisches Gebiet dienen ebenfalls vorrangig einer Klärung der zurück liegenden Ereignisse. Um darüber hinaus als ein echtes Mittel der Suspense wahrgenommen zu werden, schenkt ihnen der Film letztlich zu wenig Aufmerksamkeit.

In Ton und Stimmung orientiert sich Jordans irische Romanze ohnehin stärker an der malerischen, verträumten Landschaft als an der Logik seines düsteren, bestenfalls angerissenen Kriminalfalls. Die grüne Küste mit ihren einsamen Buchten und Inseln, ist in dieser, von alten Mythen beeinflussten Geschichte mehr als nur Kulisse. Kamerakünstler Christopher Doyle fotografiert Irlands Naturschönheiten wie einen Hauptdarsteller, den es prominent in den Vordergrund zu rücken gilt. Dort konkurrieren Doyles Bilder immer wieder mit einem groß aufspielenden Colin Farrell, der nach seinem Auftritt als zweifelnder Profikiller in „Brügge sehen und sterben“ erneut in einer sehr zurückgenommenen, leisen Rolle überzeugt. Seine Filmpartnerin Alicja Bachleda bekommt im direkten Vergleich deutlich weniger Gelegenheit sich auszuzeichnen, was wiederum mit der Anlage ihrer Figur zusammenhängt. Komplettiert wird der Cast von Jordan-Intimus Stephen Rea als Dorfpfarrer und der erst 10-jährigen Alison Barry, die hier ihr Leinwanddebüt gibt.

Marcus Wessel

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