Orangenmädchen, das

Naheliegend, dass in einem „Das Orangenmädchen“ betitelten Film Apfelsinen und Orangetöne eine wichtige Rolle spielen. Als optischer wie poetischer Baustein und Symbol für die Lust am Leben ebenso wie für Sinnlichkeit spielt die leuchtende Farbe in dieser auf Jostein Gaarders gleichnamigem Buch basierenden Verfilmung über zwei parallel erzählte Liebesgeschichten eine wichtige Rolle. Seine überdenkenswerte Botschaft gibt dem romantischen ebenso wie tragischen Film seine besondere Note

Webseite: www.neuevisionen.de

OT: Appelsinpiken
Deutschland/Norwegen/Spanien 2009
Regie: Eva Dahr
Darsteller: Annie Dahr Nygaard, Mikkel Bratt Silset, Harald Thompson Rosenstrom, Rebekka Karijord, Emilie K. Beck
84 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Start am 10.12.09
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist fürwahr nicht uninteressant, sich vor einer näheren Betrachtung von Eva Dahrs in Norwegen, dem spanischen Sevilla sowie in Erfurter Studios gedrehter Buchverfilmung mit der psychologischen Bedeutung der Farbe Orange zu befassen. Als warme Farbe symbolisiert sie Optimismus und Lebensfreude, fördert auf seelisch-geistiger Ebene das Vertrauen und die Lust am Leben, ist grundsätzlich also positiv belegt, vor allem im Fall von einem hellen Orange. Orange gilt weiterhin als Farbe all jener, die sich jugendlich und vital fühlen. Kritisch wird es allenfalls bei einem dunklen, langsam ins bräunliche übergehenden Orange. Hier wäre dann von Stress, Überforderung, Gier die Rede.

Die 2003 vom norwegischen Erfolgsautor Jostein Gaarder („Sofies Welt“) aufgeschriebene Geschichte beginnt mit der zufälligen Begegnung des jungen Studenten Jan Olav und der aufgrund ihres orangeroten Mantels sowie einer Tüte Apfelsinen auf dem Arm Orangenmädchen genannten jungen Frau in einer Straßenbahn. Der Junge verliebt sich, staunt alsbald, dass sie offenbar seinen Namen kennt und weiß wo er wohnt. Doch just im Moment, wo er glaubt, ihr näher zu kommen, verabschiedet sie sich ohne große Erklärungen, dafür mit der Bitte, er möge sechs Monate auf ihre Rückkehr warten. Als ihn eines Tages eine Postkarte von ihr aus Sevilla erreicht und ihn an das Versprechen gemahnt, hält er es – Gier zu sagen wäre falsch, eher ist es natürlich eine ungeduldige Sehnsucht – nicht mehr aus und reist ihr nach Spanien nach. Klar, dass auch hier das Orangenmotiv immer wieder auffällig ins Bild gerückt wird.

Wie schon in vielen seiner vorangegangenen Bücher hat Jostein Gaarder auch in „Das Orangenmädchen“ weitere, auf anderen zeitlichen Ebenen spielende Geschichten parat. Die eine erzählt von Jan Olavs frühzeitigem Sterben, die andere davon, wie sein nunmehr 16-jähriger Sohn Georg in der Gegenwart beim Lesen ihm überlassener Briefe seines Vaters entdeckt und erfährt, welche Erlebnisse dieser einst hatte und welches Geheimnis sich um das Orangenmädchen rankt.

Eva Dahr entführt uns in den Gegenwartsszenen zunächst in die weite und weiße Schneelandschaft der norwegischen Hochebene Hardangerviddas. In dieser Landschaft drückt sich die Leere in Georg in Bezug auf sein Wissen, bzw. anfangs noch Nichtwissen über des Vaters Vergangenheit aus. Indem er auf das Beobachten eines einzigartigen Himmelsereignisses mit seinem Sternenteleskop fixiert ist, merkt Georg nicht, wie sich das gleichaltrige Mädchen Stella für ihn interessiert. Erst bei der Lektüre der Briefe fällt dem vor seiner Umgebung flüchtenden Einzelgänger auf, dass er sich Stella gegenüber falsch verhalten haben könnte. Vor allem ist es der Optimismus, das Vertrauen, die Abenteuerlust und der Lebenswillen, der aus des Vaters Briefen spricht, die Georg aufrütteln.

Die Konfrontation mit dem Thema Tod einerseits und die Aussicht auf romantische Liebesgeschichten sorgen dafür, dass in „Das Orangenmädchen“ auf der Klaviatur der Gefühle die unterschiedlichsten Töne von Herzschmerz und Trauer bis Sehnsucht und Hoffung angeschlagen werden. Manchmal ist das vorhersehbar, ändert aber nichts an der Märchenhaftigkeit der Geschichte. Die philosophische Botschaft von Buch und Film, das Leben im jeweiligen Moment zu genießen und sich wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen, sorgt für eine nachdenkliche Komponente. Formal kommt dies in den vielen im Film untergebrachten symbolischen Bildern wie eben der Farbe Orange, der weißen Landschaft oder dem exotisch-paradiesischen Grün in Spanien zum Ausdruck. Als romantisches Wintermärchen voller schöner magischer Momente und einer Prise Selbstfindung funktioniert diese Verfilmung.

Thomas Volkmann

Zwei Zeitebenen. Die gegenwärtige: Georg ist Jugendlicher. Gerade geht es im heimatlichen Norwegen auf Skitour. Georg hat ein Teleskop dabei, denn er will, wenn das Wetter es zulässt, einen Blick auf den Kometen werfen, den man derzeit sehen kann. Stella ist ebenfalls in der Gruppe der Skifahrer. Von Hütte zu Hütte ziehen sie.

Georg hat einen langen Brief seines schon vor Jahren verstorbenen Vaters dabei. Die Astronomie ist es, die die beiden noch ein wenig verbindet. Sonst nichts. Im Gegenteil. Die Wiederverheiratung seiner Mutter spielt dabei eine Rolle. Georg liest den Brief.

Die zweite Zeitebene – Vergangenheit: Jan Olav, Georgs Vater, erzählt. Eines Tages, als er in letzter Sekunde auf die Straßenbahn aufspringt, entdeckt er in dieser ein wunderschönes Mädchen mit einer Tüte voll Orangen. Ein Ruck der Straßenbahn. Die Orangentüte fällt zu Boden, die Früchte purzeln umher. Das Mädchen aber hebt nur eine einzige auf – und steigt aus, verschwindet.

Jan Olav hat es erwischt. Das „Orangenmädchen“ war zu schön. Er sucht die junge Frau. Lange. Immer wieder. Endlich findet er sie. Die beiden nähern sich langsam an.

Doch dann ist die Frau wieder verschwunden. Jan Olav soll auf eine Postkarte aus Sevilla warten, heißt ihre letzte Nachricht an ihn.

Er wartet lange. Dann hält es ihn nicht mehr. Er reist nach Sevilla. Doch wo ist das Orangenmädchen?

Schließlich erhält er von einem Fremden einen Tipp. Die Gesuchte ist Kunststudentin, also in der Akademie zu finden. Sie ist Malerin. Die Orangen brauchte sie nur als Vorlage.

Nun kann es zur großen Liebe kommen.

Georg ist berührt. Jetzt versteht er den Vater, das Schicksal, die Liebe besser. Und jetzt wird auch seine Beziehung zu Stella wachsen.

Ein von einer Frau (Eva Dahr) gedrehter wunderbar romantischer Film. Jeder junge Mensch braucht einen Halt, an dem er sich ins Erwachsenenalter hinüberretten kann. Bei Georg ist es dieses Liebesmärchen seines Vaters. Der Junge kann jetzt besser aus sich heraus. Stella hatte ja schon Signale ausgesendet.

Mehr Psycho-Stoff gibt es hier nicht, und das ist auch gar nicht nötig. Es ist einfach eine künstlerisch beachtlich erzählte schöne Geschichte, fußend auf einem Bestsellerroman von Jostein Gaarder.

Eine Augenweide ist auch dabei. Annie Dahr Nygaard spielt sehr gut das mysteriöse Orangenmädchen, eine überaus attraktive Darstellerin. Doch auch die Männerrollen sind passend besetzt: mit Mikkel Bratt Silset als Georg und Harald Thompson Rosenström als Georgs Vater Jan Olav.

Ein berührendes, romantisches Liebesmärchen.

Thomas Engel