Ein Klassizist in der Moderne. James Gray dreht Filme wie aus den 70er Jahren, immer wieder inspiriert von eigenen Erfahrungen, der Geschichte seiner Familie, russisch-jüdische Migranten im New Yorker Stadtteil Queens. So auch „Paper Tiger“, ein Familiendrama, das zur Tragödie wird, erstklassig besetzt und gefilmt, inhaltlich allerdings kaum mehr als eine Variation früherer Gray-Filme.
Über den Film
Originaltitel
Paper Tiger
Deutscher Titel
Paper Tiger
Produktionsland
US, BR, IT, FR, CY, GB, QA
Filmdauer
115 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Rodrigo Teixeira, Anthony Katagas, Raffaella Leone, Gary Farkas,
Regisseur
James Gray
Verleih
PLAION PICTURES GmbH
Starttermin
01.01.1972
New York, 1986. Seit einigen Jahren regiert Ronald Reagan die USA, die Wirtschaft brummt – zumindest für manche. Für andere besteht der amerikanische Traum allerdings nicht aus einem möglichst schnell wachsenden Vermögen, sondern aus einem Haus und einer Familie. So einer ist Irwin Pearl (Miles Teller), ein Amerikaner russisch-jüdischer Abstammung, der in Queens zusammen mit seiner Frau Hester (Scarlett Johannson) und den zwei Teenager-Söhnen Scott (Gavin Goudey) und Ben (Roman Engel) ein bescheidenes Leben lebt.
Ganz anders sein großer Bruder Gary (Adam Driver), ein ehemaliger Polizist, der nun mit Beratungsgeschäften viel Geld verdient und das Glück scheinbar gepachtet hat. Das möchte er nun mit Irwin teilen und schlägt dem Bruder ein scheinbar todsicheres Geschäft vor. Ein von Abwässern und Schlamm verschmutzter Kanal in Brooklyn soll gereinigt werden, ein Riesengeschäft, wenn man weiß, wie die Umweltschutzvorschriften der Stadt einzuhalten sind. Zu diesem Zweck will Gary eine Beratungsfirma gründen, mit ihm als Kopf und Irwin als Mann für die technischen Fragen. Doch der Sumpf, den es auszuheben gilt, zieht zwielichtige Firmen an, die russische Mafia wittert ein Geschäft, sucht zwar auch den Rat von einheimischen Akteuren, agiert jedoch mehr als paranoid, wenn sie sich bedroht fühlt.
Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: Als Irwin seinen Jungs eines Abends zeigen will, wo er demnächst arbeiten wird, wo er viel Geld verdienen kann, beobachtet er die Russen beim Beladen eines Lasters, will ihnen einen Rat zur Sicherheit geben – und sticht in ein Wespennest. Das scheinbar sichere Geschäft erweist sich als gefährliches Spiel mit dem Feuer.
Seit seinem Debütfilm „The Yards“ hat James Gray immer wieder persönliche Erfahrungen in seine Filme einfließen lassen, wird seit einigen Jahren jedoch dezidiert autobiographisch. „Zeiten des Umbruchs“ basierte unmittelbar auf persönlichen Erlebnissen, „Paper Tiger“ war ursprünglich als direkte Fortsetzung geplant, doch James Strong und Anne Hathaway, die damals Versionen von Grays Eltern spielten, standen nicht mehr zur Verfügung. Stattdessen übernehmen Miles Teller und Scarlett Johansson diese Rollen, zudem hat Gray das Drehbuch stärker von der Realität entfernt, es in die exaltierten Gefilde eines Melodrams entwickelt, das an seinen Polizei-Thriller „We Own the Night“ erinnert.
Auch damals ging es um zwei Brüder mit unterschiedlichen Leben und Moralvorstellungen, die durch schicksalshafte Umstände in eine Extremsituation gerieten. Hier sind es nun die von Miles Teller und Adam Driver gespielten Figuren, die sich und ihre Fähigkeiten überschätzen und von der russischen Mafia bedroht werden. Mehr noch als ein Thriller, ist „Paper Tiger“ aber ein Film über den amerikanischen Traum, über zwei Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der eine selbstbewusst bis zur Arroganz, der glaubt alle Probleme lassen sich durch einen Deal aus der Welt schaffen, einen Deal den er, Gary, erzwingen kann. Der andere, Irwin, zurückhaltend fast bis zur Selbstverleugnung, eigentlich zufrieden mit dem was er hat, dennoch immer wieder – nicht zuletzt durch seinen Bruder – mit den glänzenden, materiellen Aspekten des amerikanischen Traums konfrontiert.
Besonders Adam Driver überzeugt hier als Ex-Cop, der die Arroganz und Macht seines Metiers auch als Zivilist mit sich trägt, nach und nach aber realisiert, dass er diesmal möglicherweise in eine Situation geraten ist, aus der er sich nicht herausreden kann. Vor allem aber hat er seinen Bruder mit hineingezogen, was angesichts seiner Moralvorstellungen, in der Familie über alles geht, unverzeihlich ist.
Aus diesem Konstrukt hat James Gray ein klassisches Melodram geformt, das er souverän in Szene setzt, mit archaischer Wucht und unausweichlichem Arbeiten des Schicksals. Neue Aspekte hat Gray seinem Œuvre damit zwar nicht hinzugefügt, aber als Variation bekannter Muster funktioniert „Paper Tiger“ vor allem für Kenner des Grayschen Kosmos ausgezeichnet.
Michael Meyns







