schwarze Dahlie, Die

Brian de Palmas Verfilmung des berühmten Romans von James Ellroy hat mit der Last der Erwartungen und dem unweigerlichen Vergleich mit Curtis Hansons über jeden Zweifel erhabenen  L.A. Confidential zu kämpfen. Dass de Palma dieses Duell nicht für sich entscheiden kann, heißt nicht, dass sein Film eine Enttäuschung ist –  im Gegenteil: Indem er den Geist und die Stimmung der Vorlage konserviert, schafft er ein äußerst packendes Kinoerlebnis.

Webseite: www.blackdahlia-derfilm.de

The Black Dahlia
USA 2006
Regie: Brian de Palma
Drehbuch: Josh Friedman nach einem Roman von James Ellroy
Kamera: Vilmos Zsigmond
Musik: Mark Isham
Darsteller: Josh Hartnett, Aaron Eckhart, Hilary Swank, Mia Kirshner, Scarlett Johansson
Länge: 120 Min.
Verleih: Warner
Start 5.10.2006

PRESSESTIMMEN:

Brian de Palma beweist viel Gespür für die Ära und die Schattenseiten der Glamour-Stadt Los Angeles. Detailgetreu ließ er in Bulgarien das L.A. der 40er Jahre auferstehen. Seine Hauptdarsteller passen gut in diese Kulisse und bewegen sich dort souverän. Scarlett Johansson erinnert dabei ein bisschen an Veronika Lake, Hilary Swank hat etwas von Rita Hayworth und den Herren Eckhart und Hartnett stehen Hüte und im Mundwinkel angerauchte Zigaretten ganz hervorragend.
Brigitte

FILMKRITIK:

Los Angeles. Stadt der Engel und des Showbiz. Hollywoodland. Die Fabrik, die Träume macht, lag immer schon inmitten von Armut, Kriminalität und Prostitution. Vermutlich deshalb können die düsteren, nihilistischen Crime-Thriller des James Ellroy auch nur an diesem Ort spielen. Gerade hinter glamourösen Fassaden tun sich mitunter moralische und seelische Abgründe auf.

 

1947. Die beiden Cops Dwight „Bucky“ Bleichert (Josh Hartnett) und Leland „Lee“ Blanchard (Aaron Eckhart) ermitteln in einem Aufsehen erregenden Mordfall. Am helllichten Tag wird eine verstümmelte Frauenleiche entdeckt. Der Körper zerteilt, das Gesicht deformiert. Bei dem Opfer handelt es sich um das Starlet Elizabeth Short (Mia Kirshner). Sie träumte wie so viele andere auch von der großen Schauspielkarriere in Hollywood. Es war ein Traum, der tödlich enden sollte. Bucky und Lee finden heraus, dass die junge Frau regelmäßig in einem lesbischen Nachtclub arbeitete. Dort trat sie als die Schwarze Dahlie auf. Im Zuge ihrer Nachforschungen stoßen sie auf eine geheimnisvolle Schöne (Hilary Swank), deren Verwicklung in den Fall ihnen so manches Rätsel aufgibt.

Wie von einem Ellroy-Krimi nicht anders zu erwarten, kann sich in diesem dreckigen Spiel niemand sicher fühlen. Einige werden einen hohen Preis zahlen müssen, einen zu hohen. Sirenengleich warten die Verführerrinnen an jeder Ecke, um unsere „Helden“ vom rechten Weg abzubringen. Die Verlockungen sind zahlreich, die moralischen Hemmschwellen entsprechend niedrig. Stellvertretend für den Zuschauer werden Bucky, dem idealistischen jungen Officer, nach und nach die Augen für die Realitäten geöffnet. Ideale zerplatzen wie Seifenblasen.

Die Tatsache, dass Die schwarze Dahlie zu weiten Teilen in Bulgarien und nicht in Hollywood abgedreht wurde, sieht man dem Film nicht an. Angefangen bei Dante Ferrettis atemberaubender Ausstattung über die Kostüme und der schwelgerischen Kamera eines Vilmos Zsigmond, aus technischer Sicht ist die zweite Ellroy-Adaption nahe der Perfektion. Um es dennoch klar zu sagen: Die Schwarze Dahlie reicht nicht an Curtis Hansons Meisterstück L.A. Confidential heran. Dafür fehlt es auch der Story an der nötigen Raffinesse. Immerhin serviert uns de Palma verteilt auf 120 Minuten einen durchweg spannenden, harten Abstieg in die Hölle. Die Desillusionierung ist dabei ein für Ellroy zentrales wiederkehrendes Motiv. Bei ihm geht es um die großen ewigen Themen, verkleidet im Gewand einer klassischen Kriminalhandlung. Fragen nach dem Wertefundament einer Gesellschaft, nach der Übernahme von persönlicher Verantwortung und Schuld prägen seine Arbeiten.

Ein Schwachpunkt lässt sich dann aber doch ausmachen: Josh Hartnett. Der Sunnyboy erreicht zu keinem Zeitpunkt die Leinwandpräsenz seiner Kollegen. Sein Gesichtsausdruck scheint wie einbetoniert. Dem Zuschauer dürfte es schwer fallen, die ihm angebotene Identifikationsfigur auch tatsächlich anzunehmen. Weil man lieber an den Lippen der Femme fatale hängt oder Lelands Wutausbrüche bestaunt, wundert es nicht, dass Hartnetts Darstellung in der gewaltigen Kulisse untergeht. Die Trumpfkarte der Besetzung ist dafür zweifellos Aaron Eckhart. Nach seinem souveränen Auftritt als eiskalter Lobbyist der Tabakindustrie in Thank You for Smoking beweist er erneut, warum die Garde der Charakterdarsteller zukünftig nicht mehr ohne ihn auskommen kann.

De Palma scheint einen dankbaren Job angenommen zu haben, schließlich darf er aus allesamt erstklassigen Zutaten ein atmosphärisch dichtes Crime-Drama spinnen. Eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit lag jedoch in Ellroys Vorlage begründet. Denn auch nach der filmgerechten Straffung des komplizierten und mit vielen Schnörkeln erzählten Plots, sollte deren Geist spürbar bleiben. Weil de Palma nicht nur diese Aufgabe meistert sondern darüber hinaus – sozusagen im Vorbeigehen –  eine Abhandlung über amerikanische Filmgeschichte (Wenn der Postmann zweimal klingelt, Chinatown, Mulholland Drive) verfasst, kann Die Schwarze Dahlie getrost zu den Highlights dieses Kinoherbstes gezählt werden.

Marcus Wessel