Wind, Der

Nach dem Tod seiner Tochter reist der greise Frank (Federico Luppi) nach Buenos Aires, um seine Enkelin Alina (Antonella Costa) zu besuchen. Seit Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen, viele Vorwürfe macht Alina Frank, die sie gar nicht erst zu lösen beabsichtigt. Doch je länger sich Alina mit ihrem Großvater beschäftigt, seine Weltsicht zu verstehen sucht, umso deutlicher erkennt sie, dass sie ihm Unrecht getan hat. Ein exzellentes, subtiles Drama.

Webseite: www.arsenalfilm.de

El Viento
Argentinien 2005
Regie: Eduardo Mignogna
Buch: Eduardo Mignogna, Graciela Maglie
Darsteller: Federico Luppi, Antonella Costa, Pablo Cedrón, Esteban Meloni, Mariana Brisky
Kamera: Marcelo Camorino
Schnitt: Marcela Saenz
Musik: Juan Ponce de León
92 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 12.10. 2006

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick passiert in Eduardo Mignogna Film wenig, der Plot ist klar und schnörkellos. Plötzlich steht Frank vor Alinas Tür, seit Jahren sehen sich Enkelin und Großvater das erste Mal wieder. Die Nachricht vom Tod ihrer Mutter nimmt Alina seltsam unemotional auf, bereitet ihrem Großvater ein Nachtlager, ihr Verhalten ist zurückgenommen freundlich und doch von distanzierter Kühle. Viel zu sehr ist sie mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, als das sie sich ernsthaft mit Frank beschäftigen will. Ihre Beziehung mit Diego (Esteban Meloni) ist nur noch Behauptung und auch ihre Affäre mit ihrem verheirateten Kollegen Miguel (Pablo Cedrón) steht still. Sie wirft ihrem Großvater vor, ihre Mutter mit ihrer Schwangerschaft allein gelassen zu haben und fühlt sich selbst als ungewolltes Kind.

Doch solch einfache Schuldzuweisungen macht sich der Film nicht zu Eigen. Er bezieht keine Position, wertet weder das Verhalten Alinas noch das von Frank, sondern entwickelt komplexe Portraits unterschiedlicher Position der südamerikanischen Gesellschaft. Frank wirkt wie ein Mann alter Schule, er lebt im abgelegen Teil des Landes, in Patagonien, wo immer ein schneidender Wind über die Dörfer zieht. Mit seinem traditionellen Hut passt er nicht wirklich in die Hauptstadt Buenos Aires, doch deren Korruption und Verwahrlosung sieht er mit viel klareren und kritischen Augen als Alina. Seine moralischen Wertvorstellungen sind klar, aber nicht archaisch und so beobachtet er mit Missfallen, wie Alina zwischen zwei Männern steht. Doch er mischt sich nicht ein, macht ihr keine Vorwürfe, lässt nur hier und da eine Bemerkung fallen, die aber eher den Ton eines Ratschlags hat, geprägt von der Lebenserfahrung eines alten Mannes.

Wirklich miteinander reden tun die beiden nicht, statt dessen legt Frank Alina immer wieder Briefe ans Bett, die ihre Mutter geschrieben hat, als sie mit Alina schwanger war und alleine in Buenos Aires war. Durch die Worte ihrer Mutter erfährt Alina was damals wirklich vorgefallen ist, erkennt die Parallelen zu ihrem eigenen Leben, vor allem aber realisiert sie, dass Frank in keiner Weise das Leben ihrer Mutter zerstört hat, wie sie all die Jahre geglaubt hat.

Am Ende steht eine leise Geste der Versöhnung, die eher ein Zeichen dafür ist, das Alina ihren Großvater versteht, als ein großer, abschleißender emotionaler Moment zu sein. Wie Alina weiterleben wird bleibt vollkommen offen, wie sich ihr Verhältnis zu ihrem Großvater entwickeln wird ebenso.

Doch genau diese Unbestimmtheit ist eine der großen Stärken des Films. Er suggeriert nicht, dass sich das Leben in kürzester Zeit radikal ändert, das ein Ereignis enorme Konsequenzen hat. Er erzählt von einer Phase im Leben zweier Menschen, völlig unaufgeregt, unspektakulär und gerade dadurch wahrhaftig. Irgendwann im Leben von Alina und Frank beginnt der Film, beobachtet die beiden Charaktere für eine Weile und lässt sie dann mit sich allein. Manches ist geschehen, einiges ist klarer geworden, Dinge haben sich verändert, neue Erfahrungen wurden gemacht, aber das Leben geht weiter.

Michael Meyns