Schwester der Koenigin, Die

Mit großem Staraufgebot inszeniert Justin Chadwick eine Mischung aus Historiendrama und Soap Opera. Natalie Portman und Scarlett Johansson sind überzeugend als die völlig unterschiedlichen Boleyn-Schwestern, die um die Liebe des englischen Königs Heinrich, VIII – dem Eric Bana die Intensität des Hulks verleiht – streiten. Ein historisch erstaunlich genauer Film, der sogar die feministische Grundhaltung der Romanvorlage ansatzweise übernimmt.

Webseite: www.die-schwester-der-koenigin-film.de

OT: The Other Boleyn Girl
GB 2007
Regie: Justin Chadwick
Buch: Peter Morgan, nach dem Roman von Philippa Gregory
Darsteller: Natalie Portman, Scarlett Johansson, Eric Bana, Kristin Scott Thompson, Jim Sturgess, Juno Temple
115 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Universal
Kinostart: 6. März 2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Die Tudor-Ära am englischen Königshaus erfreut sich bei Roman- und Filmautoren weiterhin großer Beliebtheit. Kaum eine historische Figur war in den letzten Jahren so häufig Thema von Fernseh- und Kinofilmen wie Königin Elizabeth. Dass dürfte dem gleichnamigen Film zu verdanken zu sein, aber auch den hübsch bunten Kostümen und vor allem den unendlichen Intrigen am Hof. Mit dem Hinweis, dass König Heinrich, VIII trotz fehlender männlicher Nachkommen einen Erben hat – nämlich seine Tochter Elizabeth – endet dieser Film. Das ist zwar historisch nicht ganz korrekt, den bevor Elizabeth ihre Regentschaft und das so genannte Goldene Zeitalter begann, saßen für jeweils wenige Jahre ihre Geschwister Eduard VI. und Maria I. auf dem Thron, doch der Hinweis auf eine weibliche Thronfolgerin schlägt den Bogen zu der interessantesten Facette des Films: Die Rolle der Frau im England des 16. Jahrhundert. Immer wieder wird die Schwierigkeit angedeutet, in einer von Männern kontrollierten Welt eigene Wünsche zu haben. Frauen waren nichts weiter als Spielball der Männer, Töchter wurden von ihren Vätern dazu benutzt, Prestige und vor allem Vermögen ihrer Familien zu vermehren und genau das ist das Thema des Films, zumindest unterschwellig.

Die finanziell gebeutelte Boleyn-Familie hat gleich zwei viel versprechende Töchter: Die schüchterne, sensible Mary (Scarlett Johansson) und die wildere Anne (Natalie Portman). Während Mary einen jungen Mann ihrer Wahl heiraten darf, versprechen sich ihr Vater und Onkel von Anne viel mehr. Denn der König ist immer noch ohne männlichen Nachkommen. Seine erste Frau Katharina von Aragon hat gerade eine Fehlgeburt erlitten und so scheint die Gelegenheit günstig. Unter dem Vorwand einer Jagd wird der König in den Landsitz der Boleyns eingeladen, wo im Anne, nun, zugeführt werden soll. Doch der Plan misslingt, der König würdigt Anne keines Blickes und verguckt sich stattdessen in Mary. Er beordert sie an den Hof und beginnt eine Affäre mit ihr, die auch Früchte trägt. Doch der von einer verheirateten Frau geborene Sohn ist ein Bastard und somit für die Zwecke der Erbfolge unbrauchbar. Inzwischen aber ist Anne von einer Strafexpedition nach Paris zurückgekehrt und wie verwandelt. Sie hat gelernt ihre weiblichen Reize so zu benutzen, dass die Männer glauben selbst zu entscheiden, wo sie in Wirklichkeit doch den Wünschen der Frauen folgen. Bald ist Anne am Ziel und Königin, doch sie muss merken, dass sie ein riskantes Spiel spielt und dabei ist, den Kopf zu verlieren.

Die Geschichte ist recht nah an den historischen Fakten, doch wie sie hier inszeniert wird, in dunklen Burgen, mit rauschenden Kostümen und dramatischen Gesten, fühlt man sich weniger wie in einem Shakespeare-Drama, als in einer Vorabendserie. In jedem Moment betont Regisseur  Justin Chadwik die Melodramatik der Situationen, übersteigert die Intrigen und Manipulationen bis sie fast Camp-Niveau haben. Subtil ist das gewiss nicht, aber dank der überzeugenden Hauptdarsteller – neben Portman und Johansson überzeugt vor allem Eric Bana als mal weicher, mal grausamer König – macht es viel Spaß, den politischen und emotionalem Verirrungen am Hof zuzusehen. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass die Chance vertan wurde, der Geschichte noch mehr Substanz zu geben. Die Darstellung der gesellschaftlichen Situation der Zeit bleibt oft nur angedeutet, die Tragik der Frauen, die in Rollen gedrängt werden oder zusehen müssen, wie ihre Töchter zu niederen Zwecken benutzt werden, wäre ein hochinteressanter Stoff, der bei all den Intrigen aber nicht weiterverfolgt wird.

 

Michael Meyns

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Jeder kennt Heinrich VIII. von England, den Tudor-Fürsten, der jahrzehntelang regierte, der sechsmal verheiratet war, der zwei seiner Frauen umbringen ließ, der mit dem Papst brach und der am Ende seines Lebens nur noch ein unförmiger feister Sack war.

Aber nicht alle kennen das Schicksal von Anne Boleyn, einer schönen, ehrgeizigen Landpomeranze, die vom König begehrt wurde, wegen der er seine Gemahlin Katharina verstieß, die Heinrich so lange hinhielt, bis sie selbst Königin werden durfte, die der Dynastie keinen Sohn als sehnlich erwarteten Erben schenken konnte und die schließlich unschuldig schuldig gesprochen auf dem Schafott endete.

Philippa Gregor hat das Leben von Anne und ihrer Schwester Mary in einem Roman festgehalten. Neben den historischen Fakten ist dabei natürlich auch vieles fiktiv, dazu erfunden, phantasievoll und dichterisch überhöht. Aber ein schöner Film ist jetzt darauf basierend entstanden. Kino von der besten Sorte.

Der König wird von Annes Vater Sir Thomas und ihrem Onkel, dem Herzog von Norfolk, auf den Landsitz der Boleyn eingeladen. Diese beiden windigen Herrschaften wollen durch ein Verhältnis des Königs mit einer der Töchter finanziell und gesellschaftlich gewinnen. Die Liebe darf dabei keine Rolle spielen.

Eigentlich wäre Anne für den König bestimmt, doch der verliebt sich in die bereits verheiratete Mary. Macht nichts, der Ehemann ist einverstanden.

Nicht so Anne. Zwischen den beiden Schwestern entsteht eine jahrelange Hass-Liebe. Mary ist die menschlichere, aber Anne die stärkere. Anne Boleyn gewinnt, wird wie gesagt sogar Königin – wenn auch letztlich eine unglückliche.

Das Hofleben, der emotionale, hin und her gerissene Charakter des Königs, die problematische Hochs und Tiefs durchmachende Beziehung zwischen den beiden Schwestern, die spitzfindigen Machenschaften und Intrigen, die Schicksalsschläge sowohl Marys als auch Annes, dazu die zeremoniellen Verhaltensformen, die gewählten Dialoge, die ausgesuchten Örtlichkeiten, die prächtige Ausstattung, das alles wird kinomäßig, auf Effekt ausgerichtet und publikumswirksam geschildert, aber auf sehr hohem Niveau. Wie gesagt Kino von der besten Sorte.

Ein Lob also dem Regisseur, den Ausstattern sowie den Schauspielern. Eine feine Liste: Natalie Portman (Anne), Scarlett Johansson (Mary), Eric Bana (Heinrich), Kristin Scott Thomas (Lady Elizabeth Boleyn), David Morrissey (Herzog von Norfolk), Mark Rylance (Sir Thomas Boleyn), Ana Torrent (Katharina von Aragon).

Thomas Engel