Stadt der Blinden, Die

Ein Roman, der eine Welt der Blinden beschreibt, schreit nicht unbedingt danach, verfilmt zu werden. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles versuchte es dennoch – mit zwiespältigem Erfolg. Ganz nah bewegt er sich am Roman von José Saramago entlang, wagt kaum eine Änderung und arbeitet sich am Versuch ab, das Gefühl der Blindheit visuell umzusetzen. Das gelingt nur bedingt, der metaphorischen Kraft der Erzählung, der düsteren Vision einer zunehmend verrohten, desolaten Welt tut dies jedoch wenig Abbruch.

Webseite: www.stadtderblinden.de

OT: Blindness
Kanada, Japan, Brasilien 2008
Regie: Fernando Meirelles
Buch: Don McKellar, nach dem Roman von José Saramago
Musik: Marco Antonio, Uakti
Darsteller: Julianne Moore, Mark Ruffalo, Alice Braga, Gael Garcia Bernal, Danny Glover, Yusuke Iseya
Länge: 118 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: 23. Oktober 2008
Kinostart: Kinowelt

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Lange Zeit wehrte sich der portugiesische Autor José Saramago gegen die Verfilmung seines Romans „Die Stadt der Blinden.“ Aus nachvollziehbaren Gründen, die auch die Verfilmung von Fernando Meirelles, so gelungen sie über weite Strecken auch ist, nicht völlig zerstreuen kann. Meirelles Film, nach einem Drehbuch von Don McKellar, der auch eine Nebenrolle übernommen hat, hält sich penibel, geradezu Wort für Wort an den Roman. Allein das Ende ist gestraft, der Rest der Filmerzählung folgt exakt den Stationen des Buches. Schauplatz ist eine namenlose Metropole, durch Dreharbeiten an verschiedenen Orten bewusst anonym gehalten, so wie auch die Figuren keine Namen tragen sondern als „Der Arzt“, „Die Frau des Arztes“ oder „Der erste Blinde“ bezeichnet werden. Allein die Ethnizität der Figuren, die im Roman keine Erwähnung findet, ist im Film breit gefächert, die Universalität der Geschichte, die einer Fabel gleicht, noch betonend.

 

Als erster erblindet ein Autofahrer, mitten auf der Straße, an einer Ampel sitzend. Er sucht einen Arzt (Mark Ruffalo) auf, in dessen Praxis schon etliche der Personen sitzen, die die Geschichte begleitet, nach und nach erblinden auch sie. Wie eine rasch um sich greifende ansteckende Krankheit greift die Blindheit um sich und die ersten Opfer werden in eine umfunktionierte Irrenanstalt gesperrt. Einzig sehende ist die Frau des Arztes (Julianne Moore), die ihren Mann selbstlos unterstützt. Ob das der Grund für ihre Sonderrolle ist? Man erfährt es nicht. Auch die Ursache der Krankheit bleibt offen, was ihre metaphorische Qualität nur verstärkt. Der Film sagt nicht, wie die Blindheit zu verstehen ist, ob als Strafe Gottes, als Symbol für die sprichwörtliche Blindheit der Menschen gegenüber dem Elend der Welt, der Umweltzerstörung, dem ungezügelten Kapitalismus, der zunehmenden Egozentrik. Er zeigt in harten Bildern wie schnell Menschen wieder zum Tier werden, wie sie die Notsituation anderer ausnutzen, aber auch, wie die Blindheit alle Menschen gleich macht.

In der Anstalt bilden sich rasch zwei Gruppen heraus, in der einen versucht Die Frau des Arztes mit ihrer Sehkraft, von der zunächst nur ihr Mann weiß, unauffällig für halbwegs würdige Verhältnisse zu sorgen, die andere führt ein selbsternannter König (Gabriel Garcia Bernal) an. Seine Gruppe fängt die täglichen Essenslieferungen ab und fordert Bezahlung. Zuerst die Wertsachen der anderen, dann deren Frauen. Die folgende Massenvergewaltigung ist schwer zu ertragen, selbst in der nun vorliegenden Form, die nach der Premiere in Cannes noch etwas entschärft wurde. Ihre verstörende Qualität liegt in den Bildern, die Meirelles zeigt, doch die Qualität des Romans lag in der Vorstellung, die Saramagos Sprache in den Gedanken des Lesers evozierte. Das Kino kann aber auf diese Weise nicht funktionieren und so verliert der Film, trotz aller Nähe zu den Beschreibungen der Vorlage, trotz aller einleuchtenden Versuchen das Geschriebene umzusetzen, viel von der allegorischen Qualität des Buches. Zahllose Weißblenden, häufige Unschärfe und verwischte Bilder wirken da wie verzweifelte Versuche die „Weiße Blindheit“ der Vorlage in Bilder zu fassen.

Das Ergebnis ist zwiespältig. Die Implikationen der Metapher sind immer noch erschreckend, die imaginierte Welt immer noch faszinierend, die Schauspieler sind überzeugend, die Bilder einer verlassenen Welt eindrucksvoll. Doch bei aller Detailtreue gelingt es der Filmversion nicht, auch das wichtigste Element zu adaptieren: Den Geist der Vorlage.

Michael Meyns

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Großstadtverkehr. Plötzlich Stau, verursacht durch ein einziges Auto. Der Mann am Steuer sieht von einem Augenblick auf den anderen nichts mehr. Er ist von der so genannten weißen Blindheit geschlagen.

Einer bietet sich an, den Samariter zu spielen. Er fährt den Blinden nach Hause – und stiehlt ihm sein Auto.

Der erste Blinde bleibt nicht allein. Immer mehr Menschen sehen nichts mehr, anscheinend schon die halbe Stadt. Die Regierung geht von einer gefährlichen Infektion aus und verfrachtet die Befallenen in eine aufgelassene Heilanstalt. Niemand darf den Ort verlassen, die Soldaten haben den Befehl, sofort zu schießen.

Die Blinden sind aus ihrer üblichen Lebensordnung geworfen, sich selbst überlassen. Es dauert nur wenige Tage, bis alles voller Unordnung, Schmutz, Urin ist. Die Aggressivität nimmt zu. Die Blöcke, in die die Insassen eingeteilt sind, bekriegen sich. Es fehlt an allem.

Ein Barkeeper macht sich zum Anführer. Die Frauen müssen, um etwas zu essen zu bekommen, ihren Schmuck abliefern und, als aller Schmuck abgegeben ist, sich selbst zur Verfügung stellen. Das ist nichts anderes als Vergewaltigung. Es gibt Tote. Das Chaos ist total.

Die Frau eines Arztes, die ihren Mann nicht im Stich lasen wollte und ihn ins Lager begleitete, ist einzige, die nicht blind geworden ist. Dass sie sieht, bleibt lange ein Geheimnis. Als die Gefangenschaft vorüber ist, ist sie es, die die Menschen ihres Blocks in die Freiheit führt. Die Zeit der Blindheit ist vorüber. Aber vielleicht ist diese Frau es jetzt, die auf das Sehen verzichten muss.

Die Adaption eines berühmten Romans des Literaturnobelpreisträgers José Saramago. Sie ist vieldeutig interpretierbar Das erste Stichwort stammt von Saramago selbst: „Wir sind Menschen, die sehen können, aber nichts sehen.“ Die Produzenten des Films machen ihrerseits darauf aufmerksam, dass diese Geschichte keine bestimmte Wahrheit enthalte, dass die verschiedenartigsten Auslegungen zulässig seien. Der Film gebe auf die vielen aufgeworfenen Fragen keine Antwort.

Was sind das für Fragen? Sie betreffen das Verhalten der Menschen in einer außergewöhnlichen Situation, etwa bei einer Naturkatastrophe; das Aus-dem-Alltagsleben-Geworfensein; den zunehmenden Egoismus bei zunehmender Verzweiflung; die Reaktion der Politik auf einen Notstand; die persönliche Bewährung jedes einzelnen in schier aussichtsloser Lage; die Angst vor dem, was kommt; und wie gesagt die relative metaphysische Blindheit des Menschen, der vor vielem, was auf der Welt geschieht, einfach die Augen verschließt.

Rein vom Thema her ist das „entsetzlich und vernichtend“, in Szene gesetzt ist es von Fernando Meirelles („City of God und „Der ewige Gärtner“) durchgehend gut, zum Teil großartig. Das gilt für das spezielle Milieu, für die Art und Weise, wie die Blindheit hier zum Bild gestaltet ist, für manche dramatischen Höhepunkte und für die Arbeit der Schauspieler, unter ihnen Julianne Moore (die Frau des Arztes), Mark Ruffalo (Arzt), Alice Braga (Frau mit Sonnenbrille), Gael García Bernal (Barkeeper) oder Danny Glover (Mann mit Augenklappe).

Thomas Engel