Traenen meiner Mutter, Die

Das Regiedebüt des 31-jährigen Alejandro Cardenas Amelio ist die Coming-of-Age-Geschichte seiner eigenen Kindheit. In jungen Jahren flieht er mit seinen Eltern vor der argentinischen Militärjunta aus Buenos Aires nach West-Berlin. Gut beobachtet fängt sein Film den Zeitgeist zu Mitte der 80er Jahre ein – zwischen generationenübergreifender Lebenskünstler-WG, AIDS in den Medien und Fußball-WM in Mexiko.  

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland/Argentinien 2008
Regie: Alejandro Cardenas Amelio
Buch: Alejandro Cardenas Amelio & Cuini Amelio-Ortiz
Darsteller: Adrian Gössel, Rafael Ferro, Erica Rivas, Alice Dwyer, Fabian Busch
Länge: 93 Min.
Verleih: Farbfilm
Kinostart: 6.11.2008 

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

„Hey, Mario Kempes hat Maradona die Nummer 10 gegeben!“, ruft Carlos (Rafael Ferro) seinem Sohn Alex (Adrian Gössel) hinterher, den grauen Telefonhörer in der Hand. Die Neuigkeit aus der Heimat, überbracht von der Oma am anderen Ende der Leitung, lässt den Vater jubeln. Seine Frau Lizzy (Erica Rivas) und Alex schnappen die Neuigkeit gleichgültig auf, sie sind eh längst viel fester in West-Berlin angekommen als der Familienvater, den ständiges Heimweh und trostlose Fabrikjobs bedrücken. Maradona? Wer ist das denn? 

Als der weltberühmte Fußballer noch jung und unbekannt ist und das argentinische Militärregime Tausende von Menschen verschwinden lässt, gehen die drei wie viele andere Argentinier ins ferne Exil. Unweit der Berliner Mauer finden sie in einer ehemaligen Fabriketage das neue Zuhause inmitten einer WG voller illustrer Mitbewohner, die ihren Lebensträumen nachjagen. Alex findet hier schnell eine Ersatzfamilie, während der großzügige Wohnraum zum kreativen Spielplatz seiner überbordenden kindlichen Fantasie wird.

Viel passiert nicht in Alejandro Cardenas Amelios Debütfilm. Es ist mehr der zauberhafte Blick durch Kinderaugen, der begleitet wird von nostalgischen Wohlfühlmomenten, an denen sich „Die Tränen meiner Mutter“ abarbeitet. Dabei wird die kleine Welt des jungen Alex, in der er über kleine telekinetische Tricks verfügt, mit den Konflikten seiner Eltern kontrastiert, die sich mit längerer Verweildauer in der Fremde auch voneinander zu Entfremden drohen. Dennoch versucht der Film sie nicht als Opfer darzustellen, ohnehin sind die Gräuel des argentinischen Militärregimes ein ganz anderer Schauplatz und eine andere Geschichte.

Viel mehr erfreut man sich an dem hervorragenden Ensemble der WG-Bewohner, die hier als metaphorischer Gegenentwurf zur argentinischen Junta stehen ohne humanistische Klischees zu bedienen. Alice Dwyer („Erbsen auf halb 6“), in der Rolle des stillen Punk-Mädchens Sik, wurde bereits mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Fabian Busch („Liegen lernen“) ist in einer Gastrolle zu sehen: Als mittlerweile erwachsener Alex besucht er nach vielen Jahren ein letztes Mal seinen Vater, der in Buenos Aires im Sterben liegt.  

Der 31-jährige Alejandro Cardenas Amelio findet stets ein gutes Gespür und die richtige Balance für seine autobiografische Zeitreise, die zwar auf eine deutliche Handlungsentwicklung weitgehend verzichtet und in seinem jungen Helden einen stillen und eigentlich unspektakulären Protagonisten hat. So subtil und einfühlsam hat man allerdings schon lange keine Kinderrolle mehr im deutschen Film gesehen.

David Siems

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Der Grafiker Carlos und seine Frau, die Journalistin Lizzy, fliehen Ende der 70er Jahre mit ihrem Jungen Alex vor der argentinischen Militärjunta nach Berlin. Sie kommen in einer Wohngemeinschaft in einer Fabrikanlage unter. Außer den dreien wohnen dort noch der Kameramann Micha mit Glasauge, der Fotograf Jürgen, das Punk-Mädchen Sik, der gelähmte ehemalige Trickbetrüger Günther und sein Pfleger Andreas. Später zieht noch Jürgens Freundin Anita hinzu, was zu erwähnen wichtig ist, weil Carlos und Anita während einer Abwesenheit Lizzys ein Verhältnis anfangen.

Alex gewöhnt sich bald an Berlin, Carlos dagegen findet weder sich selbst zurecht noch eine richtige Arbeit. Lizzy arrangiert und beschäftigt sich beruflich ziemlich gut.

Das Leben in der relativ primitiven Wohngemeinschaft hat immerhin etwas Geselliges. Die Ehe von Carlos und Lizzy allerdings geht zu Ende. Alex, der die Fähigkeit zu haben scheint, Dinge durch bloße Gedankenübertragung zu bewegen – was ihm indessen ausgeredet wird – will diese Gabe einsetzen, um das Verhältnis zwischen seinen Eltern zu retten.
Ein Regieerstling, der autobiographische Züge trägt; der andeutet, wie schwer es für manche ist, im Ausland Fuß zu fassen; der zeigt, welchen Belastungen eine Ehe unter Druck ausgesetzt ist; der schildert, wie das Zusammenleben einer bunt gemischten Gesellschaft funktionieren kann und muss; der aus der Nähe eine Kindheit mitverfolgt – und die leise Ankündigung einer ersten Liebe.

Thomas Engel