Es ist ungewöhnlich, einen Film wie „Strange Harvest“ im Kino zu sehen. Weil nichts an ihm nach Kino schreit. Das liegt daran, dass hier – und das sehr gekonnt – das Format einer True-Crime-Dokumentation genutzt wird, um von einem Serienkillerfall zu erzählen, den es nie gab. Das wird aber so authentisch umgesetzt, dass man meinen könnte, eine echte Dokumentation vor sich zu haben.
Über den Film
Originaltitel
Strange Harvest
Deutscher Titel
Strange Harvest
Produktionsland
USA
Filmdauer
94 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Bruce Guido, Stuart Ortiz, Alex Yesilcimen
Regisseur
Stuart Ortiz
Verleih
Drop-Out Cinema eG
Starttermin
05.11.2026
Seit den Neunzigerjahren ist der Serienkiller Mr. Shiny aktiv. Nach den ersten Morden begann er, der Polizei Briefe zu schreiben, in denen er weitere Morde ankündigte: eine genaue Anzahl. Denn mit den Ritualmorden bezweckt der Killer etwas. In dieser Mockumentary kommen die Polizisten, die ihn gejagt haben, aber auch Freunde und Verwandte der Opfer (und in einem Fall auch ein Opfer selbst) zu Wort, bis sich ein Bild abzeichnet, was im Zeitraum von 15 Jahren wirklich passiert ist.
Das neue Interviewmaterial ist gestochen scharf, bei TV-Nachrichten aus den Neunzigerjahren ist alles weicher und verwaschener. Der Look von „Strange Harvest“ ist wirklich ausgezeichnet. Autor und Regisseur Stuart Ortiz hat seine Hausaufgaben offenbar gemacht. Nichts an diesem Film verrät, dass es sich um eine fiktive Dokumentation handelt. Wenn überhaupt, dann noch am ehesten die Fotos vom Tatort, die zeigen, wie brutal Mr. Shiny vorging. Aber selbst das ist abgedeckt, wird am Anfang doch auf die „viewer discretion“ hingewiesen – in den USA üblich, wenn in Nachrichtensendungen brutale Bilder oder Videoaufnahmen zu sehen sind.
Da Ortiz durchgehend auf Schauspieler setzt, die praktisch völlig unbekannt sind, wird die Illusion noch gestärkt. Die Mockumentary verfolgt nicht nur eine rote Linie, sondern hat auch eine spannende Dramaturgie. Wie bei echten True-Crime-Formaten möchte man wissen, wie es weitergeht und was letztlich am Ende passierte. Und wie dort ist die Auflösung nicht gänzlich packend. Weil am Ende eben doch nichts Außergewöhnliches passiert. Hätte man das haben wollen, hätte der Film seine selbstgesteckten Grenzen überwinden müssen, aber damit eben auch den Hyperrealismus von „Strange Harvest“ gebrochen.
„Strange Harvest“ ist ein interessanter Film, irgendwo zwischen Found Footage und Mockumentary angesiedelt. Im Grunde nichts, das man auf einer großen Leinwand sehen müsste. Tatsächlich dürfte die Wirkung des Films auf der Mattscheibe weit größer sein. Man stelle sich nur vor, wenn er irgendwann im linearen Fernsehen läuft: Wie viele Menschen mögen dann glauben, dass das, was sie gerade sehen, eine wahre Geschichte ist?
Peter Osteried







