Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

Eine Dichter-Biografie möchte „Tabu“ ausdrücklich nicht sein. Nicht die Figur des Lyrikers Georg Trakl (1887 – 1914) steht hier im Mittelpunkt, sondern seine (womöglich inzestuöse) Beziehung zur vier Jahre jüngeren Schwester Margarethe. Eine verbotene Liebe, ein depressiver Dichter, der heraufziehende Erste Weltkrieg – das klingt nach einer dramatischen Kino-Geschichte. Regisseur Christoph Stark gelingt es mit Abstrichen, sie mit Leben zu füllen. Dafür bestätigt Lars Eidinger erneut seinen Ruf als einer der spannendsten deutschen Schauspieler; und mit Peri Baumeister ist in der weiblichen Hauptrolle ein aufregendes junges Talent zu entdecken. Sie gewann mit ihrer Darbietung den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin beim diesjährigen Festival Max Ophüls Preis.

Webseite: www.camino-film.com

Österreich, Luxemburg, Deutschland 2011
Regie: Christoph Stark
Drehbuch: Ursula Mauder
Darsteller: Lars Eidinger, Peri Baumeister, Rainer Bock, Carl Achleitner, Vera Borek, Petra Morzé, Luc Spada
Länge: 100 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 31. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wien um 1910: Georg Trakl studiert Pharmazie und arbeitet als Apotheker, während er seinen Durchbruch als Dichter herbeisehnt. Er ist depressiv und deckt sich bei seiner Arbeit mit Drogen aller Art ein. Am meisten aber belastet Trakl das Verhältnis zu seiner Schwester Gretl, das schon in der Kindheit besonders eng war und nun auch beiderseitiges sexuelles Begehren einschließt. Die Situation wird für ihn unerträglich, als Gretl ebenfalls nach Wien zieht, um als erste Frau am Konservatorium Klavier zu studieren. Eigentlich aber will sie nur in Georgs Nähe sein. Der zwingt sie, den viel älteren Musikprofessor Brückner zu heiraten. Aber die Ehe ist unglücklich – und Georg und Gretl können nicht voneinander lassen…

„Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse. Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld? Noch bebend von verruchter Wollust Süße. Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld.“

Diese Zeilen aus Georg Trakls Gedicht „Blutschuld“ setzt das Drehbuch leitmotivisch ein; sie werden immer wieder rezitiert. Die Wissenschaft deutet das Gedicht als Hinweis auf Trakl inzestuöse Beziehung zu Margarete, die als wahrscheinlich gilt, aber nicht endgültig bewiesen werden kann. Das Drehbuch macht um diesen hauchfeinen Unterschied aber nicht viel Federlesens und zeigt die Geschwister als heftig kopulierendes Liebespaar. Die Regie schlachtet diese Szenen dennoch nicht voyeuristisch aus. Im Vordergrund steht die Seelenpein, die ihre ausweglose Situation den Geschwistern bereitet. Lars Eidinger agiert dabei mit der ihm eigenen somnambulen Versponnenheit, die er immer wieder mit Ausbrüchen von sinnloser Wut und Aggressivität aufbricht. Peri Baumeister erweist sich als Glücksgriff. Sie stattet ihre Gretl mit einer faszinierenden Mischung aus Naivität und Berechnung aus. Manchmal scheint es, als habe sie das Heft in der Hand und könne einen Ausweg finden. Letzlich aber erweist Gretl sich ebenso wie ihr Bruder als von ihren heftigen Gefühlen Getriebene.

Leider gelingt es „Tabu“ aber nicht, die Figuren in ihren geschichtlichen Kontext einzubetten. In diesem entscheidenden Punkt erweist sich die Bildsprache als zu flach und einfallslos. Sicher zeigt die Kamera die Figuren oft in engen Einstellungen und engen Räumen, aber das reicht nicht aus, um das starre gesellschaftliche Korsett der kurz vor dem Untergang stehenden k.u.k.-Monarchie wirklich spürbar zu machen. Das aber wäre unerlässlich, um das Handeln der Trakl-Geschwister auch zu verstehen als verzweifelte Auflehnung gegen die erdrückende Enge im damaligen Österreich. Auch Trakls Lyrik mit ihren mächtigen Sprachbildern von Verwesung, Zerstörung, Tod und Chaos gewinnt erst vor diesem Hintergrund ihre Sprengkraft. So rutscht der Film immer wieder in ein fades Befindlichkeitskino ab, in dem viel geschrien, geweint und mit den Händen gerungen wird, ohne, dass die Figuren dem Zuschauer nahe kämen. Stattdessen verrennt sich das Drehbuch in die völlig unnötige Spekulation, Margarete habe die Gedichte ihres Bruders umgeschrieben oder gar „verbessert“. Schade auch, dass Georg Trakls Kriegserlebnisse nicht wenigstens im Abspann erwähnt werden; der Film vermittelt so den Eindruck, er habe sich nicht deswegen, sondern wegen seiner verzweifelten Liebe zu Gretl das Leben genommen. Das ist eine gewagte Hypothese. Denn das wahre Grauen erlebte Trakl nicht auf dem Schlachtfeld der Liebe, sondern im Lazarettzelt von Grodek, wo er als Sanitätsoffizier allein über 100 Schwerverwundete versorgen sollte und nach zwei Tagen einen Nervenzusammenbruch erlitt.

Oliver Kaever

Wien 1910. Georg Trakl ist einer der renommiertesten Lyriker des literarischen Expressionismus. Hier wird sein Leben und das seiner Schwester Margarete dargestellt. Doch nicht die historische Wahrheit war den Filmemachern wichtig, sondern das Thema ihrer (möglichen) Geschwisterliebe. Der Fokus: die Liebe zweier Menschen, deren Leidenschaft füreinander ebenso intensiv wie selbstzerstörerisch ist und die aus Konventions-, Rechts- und Inzestgründen sich nicht lieben dürfen.

Georg führt ein unruhiges, suchendes halbkreatives drogenbelastetes Leben in Wien. Grete ist Komponistin und Pianistin.

Die beiden ziehen sich an, stoßen sich ab, verlangen nacheinander, verachten sich gegenseitig. Es ist Himmel und Hölle zugleich.

Später heiratet Grete ihren Lehrer, um der leidenschaftlichen „Unzucht“ ein Ende zu bereiten. Doch es hilft nichts. Sie wird zwar Mutter (wer ist der Vater?), doch sie kann ihren Mann nicht lieben.

Georg Trakl wird sehr früh ein Opfer des Ersten Weltkrieges. Margarete nimmt sich drei Jahre später das Leben.

Wieg gesagt, es ist eine weitgehend fiktive Geschichte und als solche historisch mit Vorsicht zu genießen. Aber die Art und Weise, wie dieses Dilemma, dieses Paradoxon, diese Paradies- und Infernostory von Regisseur Christoph Stark filmisch bewältigt wurde, erregt auf jeden Fall Aufmerksamkeit: szenisch, photographisch und vor allem darstellerisch.

Lars Eidinger ist ein düsterer, zorniger, maßloser (manchmal ein wenig forciert spielender) Trakl. Am meisten beeindruckt Peri Baumeister als Grete: sehens- und hörenswert, sowohl als Akteurin als auch als Pianistin.

Thomas Engel