That’s Why The Lady Is A Champ

Das Herzensprojekt der Schauspielerin Sydney Sweeney („Wo die Lüge hinfällt“) ist weit mehr als eine der üblichen Sportler-Biografien. Der Regisseur und – gemeinsam mit Mirrah Foulkes – Autor David Michôd erzählt die Geschichte der legendären US-Boxerin Christy Martin nicht als freundlich geradlinige Aufstiegserzählung, sondern als durchaus anspruchsvolle Annäherung an eine Frau, deren größte Kämpfe eher außerhalb als innerhalb des Boxrings stattfanden. Das Ergebnis ist ein Biopic, in dem sich die Faszination des Sports mit einem beklemmenden Beziehungsdrama verbindet.

 

Über den Film

Originaltitel

Christy

Deutscher Titel

That’s Why The Lady Is A Champ

Produktionsland

USA

Filmdauer

135 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Michod, David

Verleih

Tobis Film GmbH

Starttermin

01.01.1972

 

Christy stammt aus einer Kleinstadt im erzkonservativen Virginia und wächst in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater arbeitet im Kohlebergwerk, weshalb sie in späteren Zeiten und besonders volksnah als „The coalminer’s daughter“ tituliert wird. Ihren Eltern gegenüber verschweigt sie, dass sie sich nicht zu Männern, sondern zu Frauen hingezogen fühlt. Nur ein Stipendium ermöglicht es ihr, das College zu besuchen, was für Christy ein Grund ist, sich von ihrer Partnerin Rosie zu trennen. Niemand soll wissen, dass sie lesbisch ist. 

 

Durch Zufall kommt die sportliche Christy zum Boxen und feiert mit ihrem aggressiven, vollkommen unkontrollierten Stil erste Erfolge. Um es klar zu sagen: Sie boxt nicht, sondern sie kloppt sich und geht aus den Schlägereien regelmäßig als Siegerin hervor, was sie vor allem der Tatsache verdankt, dass sie unglaublich viele Schläge einstecken und Schmerzen ertragen kann. Trotz ihrer eher bescheidenen technischen Kenntnisse und Fähigkeiten boxt sie sich Anfang der 1990er Jahre an die Spitze der Männerdomäne. Unter der schillernden Ägide des legendären Box-Promoters Don King (der mit der Starkstromfrisur) wird sie zum ersten weiblichen Boxstar. Doch der öffentliche Ruhm steht in scharfem Kontrast zu ihrem Privatleben, das von der toxischen Beziehung zu ihrem Trainer und Ehemann Jim Martin geprägt ist, der sie über viele Jahre kontrolliert, misshandelt und missbraucht. Der Film verliert diese beiden Ebenen des öffentlichen und des privaten Lebens – und damit auch die Abgründe einer Lebenslüge – nie aus den Augen und zeigt eindrucksvoll, wie eng Triumph und Leid miteinander verflochten sein können.

 

Vor allem Sydney Sweeney überrascht hier. Ihre körperliche Verwandlung zu einer muskulösen und überaus leidensfähigen Sportlerin ist beeindruckend. Doch deutlich wichtiger als das Erscheinungsbild ist hier die differenzierte Darstellung einer Frau, die sehr lange gar nicht weiß, wohin sie will. Sie ist wild und nonkonformistisch, aber gleichzeitig möchte sie es allen recht machen, vor allem ihren Eltern und ihrem Mann gegenüber. Das Boxen bietet ihr die Möglichkeit, ihre Aggressionen auszuleben und ihre Wut herauszulassen. Im Grunde hat sie also den Sport überhaupt nicht verstanden. Dass sie sich aber zusätzlich in der Öffentlichkeit ebenso wie im Privatleben immer wieder selbst verleugnet, bleibt lange Zeit scheinbar ohne sichtbare Folgen. Ihre Fassade von Entschlossenheit, Selbstvertrauen und professioneller Härte wird für sie zur Gewohnheit. Doch Sydney Sweeney spielt auch die Veränderung der Christy Martin zu einer bewusst lebenden Frau, die sich – von allen, auch von ihren Eltern, im Stich gelassen – zur Wehr setzt und schließlich die Scheidung verlangt, was zur Folge hat, dass Jim versucht, sie umzubringen. Sie überlebt den äußerst brutalen Mordversuch nur knapp – in der Realität wie im Film. Sydney Sweeney spielt die ältere, reifere Christy als Überlebenskämpferin, die sich immer irgendwie aufrappelt oder aufrappeln muss. Ben Foster setzt ihr als manipulativer und bedrohlich wirkender Jim Martin einen ebenso charismatischen wie furchteinflößenden Gegenspieler entgegen. 

 

Die besonders in der ersten Hälfte des Films recht zahlreichen Boxkämpfe sind rau, schnörkellos dynamisch und ohne übertriebene Heroisierung inszeniert. Zusätzlich nimmt sich Michôd viel Zeit für die stilleren Momente, in denen bei Christy Selbstzweifel und Einsamkeit sichtbar werden. Mit seinen 135 Minuten gerät der Film manchmal etwas ausufernd; manche Trainings- und Wettkampfsequenzen hätten straffer ausfallen können. Doch die kleinen Durchhänger schmälern kaum die Wirkung eines Films, der konsequent die Persönlichkeit hinter der Sportikone sucht und der in seiner Wirkung niemals allzu platt und einfältig wird. Im Gegenteil: Vielleicht ist es gerade die kritische Haltung des Films gegenüber der Institution der Kleinfamilie, die dazu geführt hat, dass „Christy“, so der Originaltitel, in den USA ein Flop wurde. Eine lesbische Frau, die einen gewalttätigen Mann geheiratet hat und deren Eltern ihre Tochter im Stich lassen und sich mit dem Mann solidarisch erklären … unter Umständen ist genau das ein bisschen zu viel für ein konservative US-Publikum, das vielleicht doch lieber glattgebügelte Gute-Laune-Aufsteigergeschichten als komplizierte queere Storys sehen möchte.

 

„That’s Why The Lady Is A Champ“ ist jedenfalls kein klassisches Boxerdrama, sondern im Grunde das eindringliche Porträt einer unruhigen Frau, die viel zu lange braucht, um zu sich selbst zu stehen.

 

Gaby Sikorski

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