Ein Wiedersehen nach zehn Jahren und eine gemeinsame Tour durch die schottischen Highlands – und die leise Frage, ob das, was einmal Nähe war, überhaupt noch vorhanden ist: „The North“ von Bart Schrijver ist ein unaufgeregter Film über Freundschaft und Gemeinsamkeit unter den veränderten Vorzeichen des Erwachsenenlebens.
Ein Spielfilm mit stark dokumentarischem Charakter, denn er bildet eine komplette Wanderung über mehr als 600 Kilometer ab – mit allem, was das Wetter, die Landschaft und die Freundschaft an Freuden und Problemen mit sich bringen.
Über den Film
Originaltitel
The North
Deutscher Titel
The North
Produktionsland
NDL
Filmdauer
131 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Schrijver, Bart
Verleih
Piffl Medien GmbH
Starttermin
21.05.2026
Chris (Bart Harder) und Lluis (Carles Pulido) waren einmal eng verbunden: als beste Freunde und WG-Kumpels. Nun treffen sie sich wieder, um ihre Freundschaft aufzufrischen und hatten die Idee, dafür den West Highland Way bis hin zum Cape Wrath Trail in Schottland zu laufen. 28 Tage haben sie sich dafür Zeit genommen. Doch was als gemeinsames Projekt beginnt, entpuppt sich schnell als Prüfstrecke. Die Tage und Nächte in der Weite Schottlands in Regen, Sturm und (ab und zu) Sonnenschein bringen nicht nur Erinnerungen zurück, sondern legen auch offen, wie unterschiedlich sich ihrer beider Leben entwickelt hat. Gespräche geraten ins Stocken, was früher originell war, ist jetzt eine Macke, Selbstverständlichkeiten fehlen, kleine Spannungen werden immer größer, die Krisensituationen häufen sich, und irgendwann bleibt nur noch das abendliche Kartenspiel zu zweit, das ihnen Gemeinsamkeit vorgaukelt.
Bart Schrijver interessiert sich weniger für die äußere Handlung als für das Dazwischen. Es passiert nicht viel in diesem Film, außer dass sie hin und wieder mal nass werden oder ihr Zelt retten müssen. Er zeigt zwei Männer, die sich einmal sehr nah waren und nun vorsichtig austesten müssen, ob und wie diese oder eine andere Nähe überhaupt noch möglich ist. Und so ist „The North“ auch ein Film über Männlichkeit und Rollenverhalten – wenn auch ohne offenkundige Kritik, sondern eher von außen betrachtet und ohne jede Wertung. Das ist nie laut, nie zugespitzt, sondern entwickelt sich aus Blicken, Pausen und beiläufigen Bemerkungen. Diese Zurückhaltung gibt dem Film eine gewisse Spannung. Nach 10 Jahren kennen sich die beiden eigentlich gar nicht mehr, was sie nicht wahrhaben wollen, obwohl es ganz offensichtlich ist. Zu unterschiedlich sind die Lebensentwürfe, zu unterschiedlich ihre Ziele und Wünsche. Aber vielleicht ist ja auf einer anderen, neuen Ebene eine andere, neue Gemeinsamkeit möglich?
Die schottischen Highlands sind hier mehr als nur Kulisse. Die Landschaft mit ihrer kühlen Weite, ihrer rauen Schönheit und den offenen Horizonten spiegelt gelegentlich mehr den Zustand der Figuren, als dass sie die sparsame Handlung untermalt. Schrijver nutzt lange Einstellungen und die Geräusche der Natur, er nimmt sich Zeit für Wege, Wetter und Schweigen. Das wirkt dann glücklicherweise nie irgendwie touristisch, sondern er versucht zumindest dabei, eine gewisse dokumentarische Stimmung zu schaffen, die sich konsequent in den Erzählfluss einfügt. Dass der Film insgesamt mehr als zwei Stunden dauert, ist die logische Folgerung. Wer sich auf die beinahe meditative, aber mindestens sehr, sehr ruhige Erzählweise einlässt, darf zusammen mit Chris und Lluis auf eine spannende Reise gehen, die sich ebenso in ihrem Inneren abspielt wie auf der Landkarte.
Die beiden Darsteller Bart Harder und Carles Pulido tragen den Film mit reduzierter, stimmiger Präsenz. Sie agieren mit schöner Wahrhaftigkeit: kleine Reaktionen, leichte Verschiebungen im Ton, ein Zögern im richtigen Moment. So entsteht glaubhaft das Bild zweier Menschen, die sich eigentlich gut kennen – und die sich zugleich sehr fremd geworden sind.
Mit großer Gelassenheit erzählt Bart Schrijver von einer Freundschaft, die nicht einfach wieder da ist, nur weil man sich erneut begegnet. Am Ende geht es weniger darum, ob Chris und Lluis wieder zueinanderfinden, sondern darum, was es bedeutet und was es bringt, sich überhaupt noch einmal miteinander auf den Weg zu machen, also letztlich um Kommunikation als Grundlage von Freundschaft und Gemeinsamkeit.
Gaby Sikorski







