Vaterland

Ein schwieriges Verhältnis plagte die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Künstlern, denen, die im Land geblieben, sich vielleicht auch dem Regime angedient hatten, aber auch mit denen, die ins Exil gegangen waren. So wie Thomas Mann, von dessen Rückkehr nach Deutschland der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski in seinem stilistisch markanten Film „Fatherland“ erzählt, der in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde und Ende Juni des Filmfest München eröffnet.

 

Über den Film

Originaltitel

Fatherland

Deutscher Titel

Vaterland

Produktionsland

PL, DE, FR, IT

Filmdauer

82 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Edward Berger, Mario Gianani, Lorenzo Mieli, Ewa Puszczyńska, Je

Regisseur

Paweł Pawlikowski

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Starttermin

03.09.2026

 

1949. In seinem kalifornischen Exil bereitet Thomas Mann (Hanns Zischler) seine Rückkehr nach Deutschland vor. Lange Jahre hatte der berühmteste deutsche Autor seiner Zeit sein Geburtsland nicht betreten, hatte aus dem Ausland versucht, auf die Deutschen einzuwirken, Reden geschrieben und im Radio Vorträge gehalten, die sich gegen Hitler und das Nationalsozialistische Regime wandten.

Zur Verleihung des ehrwürdigen Goethe Preis reist Mann nun nach Frankfurt, begleitet von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller), die ihrem Vater als Sekretärin und Dolmetscherin dient, aber auch als Verbindung zu Teilen seiner Familie und seiner Emotionen, die der Dichter lieber unterdrückt. Vor allem die Beziehung zu seinem Sohn Klaus (August Diehl) existiert nicht mehr, Klaus lebt in Cannes und wird sich das Leben nehmen, während der Vater in Deutschland weilt.

Kein Grund für Thomas Mann, die Reise zu unterbrechen, stattdessen geht es von Frankfurt nach Weimar, nicht nur der langjährige Wohnort von Goethe, sondern auch eine Stadt im anderen Deutschland. Dort wird Mann von einem belesenen Major der sowjetischen Streitkräfte in Diskussionen über den historischen Materialismus verstrickt und für die lokale Propaganda eingespannt.

Schon in „Ida“ und „Cold War“ erzählte der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski vom Leben im Europa der Nachkriegszeit, „Fatherland“ bildet nun den losen Abschluss einer inoffiziellen Trilogie. Erneut in kontrastreichem schwarz-weiß gefilmt, in den fast quadratischen Bildern des Kinos jener Zeit, in meist starren, brillant komponierten Einstellungen.

Die strenge der Bilder scheint die Emotionen der Manns zu spiegeln, bzw. deren Nichtvorhandensein: Distanziert und kühl scheinen sich Thomas und Erika Mann durch diese Welt zu bewegen, als Vater und Tochter, die notgedrungen in Exil lebten und nun ihre Heimat mit fremden Augen wiedersehen. Mann, der Nobelpreisträger, der Star der Literatur, wird zwar meist mit Begeisterung empfangen, doch auch Beschimpfungen muss er sich anhören, wird als Verräter und Feigling bezeichnet. Der Faschismus liegt erst kurze Zeit zurück, das Land liegt in Trümmern, physisch, aber auch psychisch. Wie kann es hier weitergehen, wie kann man hier leben, fragt jedoch nicht Thomas, sondern Klaus, in der ersten Szene des Films, die den Konflikt zwischen Vater und Sohn andeutet.

Bei Andeutungen wird es jedoch bleiben, denn Pawlikowski, der sich lose von einem Roman des irischen Schriftstellers Colm Toibin hat inspirieren lassen, begnügt sich damit, lose Vignetten aneinanderzureihen, die kaum als Handlung bezeichnet werden können. Um große Themen soll es gehen, um den Umgang mit Schuld, die Kraft der Kultur, aber auch das schwierige Verhältnis eines Vaters zu seinen Kindern.

Pawlikowskis Versuch, enigmatisch zu bleiben, kollidiert dabei jedoch immer wieder an der Notwendigkeit, das Geschehen auch für jene Zuschauer verständlich zu machen, die keine Experten in Sachen Mann-Familie sind. Wenn da etwa Joachim Meyerhofer einen kurzen Auftritt hat, mag der Kenner ihn angesichts seiner Glatze und der schlaksigen Figur als Güstaf Gründgens erkennen. Für alle Fälle wird der Name des Schauspielers jedoch bald im Gespräch mit Erika Mann erwähnt und um auf Nummer sicher zu gehen, lässt Pawlkowski danach Erika Mann einer anderen Figur ausführlich erklären, dass sie einst mit Gründgens verheiratet war.

So überdeutlich diese und andere Szenen Zusammenhänge erklären, so wenig scheint Pawlikowski an anderer Stelle daran interessiert, seinen Figuren wirklich nahe zu kommen. Ein emotionaler Ausbruch Erika Manns bleibt einzige Ausnahme in einem Film, der sich etwas zu sehr darin gefällt, ein stilistisch markantes Porträt der deutschen Nachkriegszeit anzuliefern, dabei aber oft vernachlässigt, auch den Menschen nahezukommen.

 

Michael Meyns

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