Vaterspiel, Das

Über sechs Jahrzehnte, vier Länder und drei Generationen spannt Josef Haslingers Roman „Das Vaterspiel“ ein dichtes Netz aus nicht verarbeiteten Vater-Sohn-Konflikten und existenziellen Fragen nach Schuld und Sühne. Regisseur Michael Glawogger kombinierte trotz des ernsten Sujets eine durchaus ironische Erzählhaltung mit dem ihm eigenen Stilwillen. Auf diesem Wege weicht seine Verfilmung der Betroffenheitsfalle vergleichbarer Geschichten immer wieder gekonnt aus.

Webseite: www.dasvaterspiel.de

D/A/F 2009
Regie: Michael Glawogger
Drehbuch: Michael Glawogger nach dem gleichnamigen Roman von Josef Haslinger
Darsteller: Helmut Köpping, Sabine Timoteo, Ulrich Tukur, Christian Tramitz, Otto Tausig, Franziska Weisz, Michou Friesz
Laufzeit: 117 Minuten
Kinostart: 26.11.2009
Verleih: Alamode
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Familien werden durch ein komplexes, mitunter recht ambivalentes Beziehungsgeflecht zusammen gehalten. Die Verbindungen können allerdings auch reißen, ganz abbrechen oder mit den Jahren allmählich wieder zusammenwachsen. In der Romanverfilmung „Das Vaterspiel“ werden gleich drei Familienschicksale erzählt und kunstvoll miteinander verwoben. Die erste Geschichte handelt von einem Sohn, der zeitlebens gegen den übermächtigen Vater aufbegehrt. Ratz (Helmut Köpping) kann es seinem Vater (Christian Tramitz) nie wirklich Recht machen. Denn während der Herr Papa auf eine steile politische Karriere zurückblicken kann, die ihn schlussendlich bis an die Spitze eines Ministeriums führte, tüftelt der Filius lieber nächtelang an einem obskuren Computerspiel, raucht Joints oder genießt anderweitig das Studentenleben.

Als Mimi (Sabine Timoteo), eine alte Studienfreundin, sich völlig unerwartet bei ihm meldet und ihn bittet, sie bereits am nächsten Tag in New York zu besuchen, willigt Ratz kurz entschlossen ein. Die Reise bietet ihm die willkommene Gelegenheit zur Flucht. Vor seinem dominanten Vater und dem schwierigen, weil inzestuösen Verhältnis zu seiner Schwester (Franziska Weisz). Dafür kommt er kurz nach seiner Ankunft in den USA mit zwei anderen, prekären Familiengeschichten in Kontakt. Mimis Großvater (Otto Tausig) – inzwischen ein alter, kranker Mann – war während des Zweiten Weltkriegs als Nazi-Kollaborateur an der Ermordung Tausender litauischer Juden beteiligt. Um sich für diese unfassbare Tat nicht vor Gericht verantworten zu müssen, versteckt ihn seine Familie seit 32 Jahren im Keller ihres unauffälligen Hauses. Ausgerechnet diesen Keller soll Ratz nun renovieren.

Unter den Pogrom-Opfern befand sich auch der Vater des in die USA emigrierten Journalisten Jonas Shtrom (Ulrich Tukur), der später nach Deutschland reist, um den Behörden von den Verbrechen zu berichten. Damit schlägt der Film wie schon Josef Haslingers Roman einen gewaltigen Bogen: Von Litauen im Jahre 1941, über die Bundesrepublik der Nachkriegszeit, Wien in den Neunzigern bis in das New York des Jahres 1999. Trotz der zahlreichen Schauplatzwechsel und Schicksalsdichte merkt man der Verfilmung ihre komplexe Agenda nie unangenehm an. Regisseur Michael Glawogger verzichtet zudem auf jede unnötige Dramatisierung der Ereignisse. Beispielhaft zeigt sich das an der zurückgenommenen Schilderung der Nazi-Gräuel, die Glawogger einen großartigen Ulrich Tukur als nüchternes Gedankenprotokoll nacherzählen lässt. Ein genuin österreichischer Humor, zu dem es gehört, selbst in eigentlich schrecklichen Augenblicken eine gewisse ironische Distanz zu bewahren, übernimmt die Funktion des notwendigen Druckventils.

Vor allem hütet sich Glawogger davor, schwierige Fragen nach Schuld, Sühne und persönlicher Verantwortung, einfache Antworten gegenüber stellen zu wollen. Vieles von dem, was „Das Vaterspiel“ in seinen drei Erzählsträngen an Themen und Konflikten streift, böte überdies Stoff für einen eigenen Film. Umso mehr erstaunt es, mit welch leichter Hand das alles am Ende doch inszeniert ist. Irritierende Klangwelten treffen hier auf Bilder grobpixeliger Computerspielmassaker. Die multiplen (Groß-)Vater-Sohn/Tochter-Konstellationen goss Glawogger in eine außergewöhnliche Form, die ihn nach „Slumming“ und der Drogen-Groteske „Contact High“ einmal mehr als kreativen Querdenker outet.

Marcus Wessel

Ein bekannter Autor und Regisseur verfilmt ein bekanntes Buch, genauer gesagt Michael Glawogger fasst Josef Haslingers Roman zusammen.

In Österreich lebt der junge Student Ratz. Das einzige, was sich bis jetzt bei ihm lebensmäßig klar herauskristallisiert hat, ist der Hass auf seinen Vater, einen Minister. Am Computer hat er deshalb das „Vaterspiel“ ausgetüftelt. Darin wird der ungeliebte Erzeuger immer wieder erschossen.

Ratz ereilt ein Anruf aus New York. Mimi ist dran und bittet ihn, sofort zu kommen und bei einem Umbau zu helfen – obwohl das Verhältnis zwischen Ratz und Mimi ein sehr gespaltenes ist.

Ratz in New York. Er muss eine Kellerwohnung für Mimis Großvater neu gestalten. Dieser alte Mann ist kein anderer als ein ehemaliger litauischer Nazi, der mit anderen zusammen per Maschinengewehr Hunderte von Juden ermordete.

Der Sohn eines der Getöteten, Jonas Shtrom, hat nach langen Recherchen die Identität des Mörders herausgefunden und gibt in Ludwigsburg alles zu Protokoll.

Drei Handlungsstränge also, dazu noch der angedeutete Alkoholismus der Mutter von Ratz (wahrscheinlich zum Teil auf die Untreue ihres Mannes zurückzuführen) sowie das leicht inzestuöse Verhalten des Studenten zu seiner Schwester.

Eine ganze Reihe von Themen, die durchgespielt und zum Teil vertieft werden: Die Verachtung des reichlich unreifen Sohnes für seinen pedantischen Vater und nach dessen Selbstmord doch die Frage, wie schuldig Ratz durch sein Mörderspiel geworden ist. Dann die ungeheuerlichen Aussagen von Mimis Großvater über das nahezu selbstverständliche Morden in der Menschheit und in der Natur sowie die daraus folgende Weigerung, seine Untaten zu bereuen. Schließlich die ungute Beziehung zwischen Mimi und Ratz, begründet in der entschiedenen Haltung der jungen Frau und andererseits der Ratlosigkeit und Unsicherheit von Ratz vor allem der Vergangenheit des alten Litauers gegenüber.

Man merkt dem Film an, dass es Glawogger nicht leicht fiel, die unterschiedlichen Themen miteinander zu verbinden. Trotzdem sind beachtenswerte Denkansätze vorhanden, und auch formal und schauspielerisch bleibt der Streifen interessant.

Thomas Engel