Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker

Aufstieg und Fall von Mehmet E. Göker, der mit der Vermittlung von Versicherungen Millionen verdiente bevor sein Unternehmen Insolvenz anmeldete zeichnet Klaus Stern in seiner Dokumentation nach. Ein sehenswerter Film, der aber bedauerlicherweise die Chance verpasst, weiterreichende Einblicke in das Geschäft mit Versicherungspolicen zu liefern.

Webseite: www.versicherungsvertreter-derfilm.de

Deutschland 2012 – Dokumentation
Regie, Buch: Klaus Stern
Länge: 79 Minuten
Verleih: Sternfilm, im Vertrieb von Real Fiction
Kinostart: 8. März 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein äußerst dankbares Sujet hat sich Dokumentarfilmer Klaus Stern für seinen Film „Versicherungsvertreter“ ausgesucht. Angesichts der unverblümten Selbstherrlichkeit, mit der sich Mehmet Göker immer wieder präsentiert, ist die Entlarvung des einstmals extrem erfolgreichen Vertreters eine leichte Übung. Denn auch wenn sich Göker einmal allen ernstes als bescheidener, zurückhaltender Mensch bezeichnet, ist er augenscheinlich das genaue Gegenteil: Er redet wie eine Mischung aus Selbstfindungsratgeber und Motivationsguru, schnauzt seine Mitarbeiter gern sehr rüde an, betet ihnen sein angeblich unfehlbares Erfolgsgeheimnis vor. Und isst dabei Sushi, lässt sich mit dem Hubschrauber herumfliegen, trifft die Chefs der großen deutschen Versicherungskonzerne und fährt mit einem Ferrari durch seine Heimatstadt Kassel.

Dort begann die Karriere des türkischstämmigen Mehmet Göker, der aus einfachen Verhältnissen stammt und nach der Ausbildung zum Versicherungskaufmann eine eigene Firma gründete, um, wie er es formuliert, nicht nur einen Krümel vom Kuchen abzubekommen. Sein Geschäft ist die Vermittlung von Kunden an Private Krankenversicherungen. Wie genau damit Millionensummen zu verdienen sind, vermag der Film leider nicht zu vermitteln, aber offensichtlich sind monatliche Gehälter von zehntausenden Euro keine Seltenheit.

Etliche ehemalige Angestellte von Göker hat Stern vor die Kamera geholt, die ihren früheren Chef sehr unterschiedlich charakterisieren. Stellen manche den finanziellen Erfolg in den Vordergrund, betonen andere die fast sektenähnlichen Zustände, mit denen Göker seine Firma geleitet und seine Mitarbeiter seinem Diktat unterworfen hat. Aufnahmen von bizarr anmutenden Firmenveranstaltungen, bei denen sich Göker wie ein Messias feiern ließ und in einem besonders peinlichen Moment auf Knien um die ewige Treue seiner Führungskräften bat, unterstreichen dies. Irgendwann war das Geschäft jedoch ausgereizt – auch hier bleiben die Hintergründe allzu unklar – Göker verließ die Firma, kurz bevor sie Insolvenz anmeldete. Inzwischen lebt Göker in der Türkei, finanziell ganz offensichtlich mehr als abgesichert, auch wenn Millionenklagen gegen ihn laufen.

Wie gesagt, Göker wäre für jeden Dokumentarfilmer ein dankbares Sujet gewesen. Die Mischung aus Selbstgefälligkeit und Chuzpe, mit der sich der gerade mal 32jährige darstellt, ist gleichermaßen faszinierend und abstoßend. Und doch wünscht man sich manches Mal, dass Klaus Stern sich nicht nur darauf beschränkt hätte, sein Subjekt bei der Selbstentlarvung zu beobachten, sondern tiefer in das Geschäft der Privaten Krankenkassen geblickt hätte. Wenn Göker beteuert, nie etwas Unrechtes getan zu haben, sondern im Gegenteil selbst Opfer von Missgunst und generellen Vorurteilen gegen junge, erfolgreiche und dazu noch türkischstämmige Unternehmer geworden zu sein, muss man dem zwar nicht uneingeschränkt Glauben schenken, ganz aus der Luft gegriffen scheint es dennoch nicht zu sein. Doch hier verzichtet Stern bedauerlicherweise auf weiter- und tiefergehende Betrachtungen, die nicht nur den Spezialfall Mehmet Göker beleuchtet hätten, sondern eine ganze Branche und nicht zuletzt die Rolle von Deutschen mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft hinterfragt hätte. So bleibt „Versicherungsvertreter“ zwar eine sehenswerte Dokumentation, bei der man dennoch häufig das Gefühl hat, dass hier ein weitreichendes Thema nur angerissen wurde.

Michael Meyns

Alles redet von Finanz- und Eurokrise. Sie wurde u. a. verursacht durch Vorgehensweisen, wie sie in diesem Dokumentarfilm geschildert werden.

Klaus Stern hat sich in seiner begrüßenswerten Arbeit schon einiger Größenwahnsinniger angenommen. Hier ist ein weiteres Exemplar.

Es handelt sich um den türkischstämmigen Mehmet E. Göker, dessen Geschäft darin bestand, private Krankenversicherungsverträge an Versicherungsgroßunternehmen zu vermitteln. Zwar fing er vor etwa zehn Jahren klein an, doch die Versicherungen zahlten für angeworbene Verträge derart hohe Provisionen und Prämien, dass es schnell aufwärts ging. Scheinbar.

Zuerst nur 100 Angestellte, das heißt Vertragsanwerber, dann hunderte. Zuerst nur ein paar Millionen, dann hunderte, usw. Obskure persönliche Datensätze, die gekauft wurden und bei den Verhandlungen mit den Kunden untergeschoben wurden, spielten eine wichtige Rolle.

Dann Göker selbst. Er predigte, schrie, überzeugte mit seinen verkündeten Gemeinplätzen. Er gab sich wie ein Diktator, wie ein Gott – ein Größenwahnsinniger. Festliche Empfänge, Preise, Belohnungen, Reisen, bis ins Peinliche steigende Firmenzeremonien blendeten die Mitarbeiter und auch die Geldgeber.

Dann das Finanzamt, die Aufgabe des AG-Vorstandsvorsitzes durch Göker, der Verkauf der Firma für 1 Euro, die Insolvenz – mit anderen Worten die Pleite. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen Untreue, Insolvenzverschleppung und mögliche andere Verfehlungen.

Göker lebt weiter – nicht wie Gott in Frankreich, aber wie Gott in der Türkei. Geld scheint da zu sein. Ob er seine Millionenschulden je zurückzahlen wird, ist aber mehr als fraglich.

Nüchtern berichtet, kurzweilig geschnitten, entlarvend geschildert, umfassend erzählt wird das von Regisseur Klaus Stern. Erschreckend und vielsagend. Kein Wunder, dass jämmerliche Krisen ausbrechen, dass kriminell verschuldete Zustände entstehen, dass Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn solche Figuren freie Hand haben.

Nicht nur ein Film, sondern auch eine Warnung.

Thomas Engel