Manchmal erzählen Dinge mehr über eine Gesellschaft als die Menschen selbst. In Tom Fröhlichs Dokumentarfilm „Vom Traum, unsinkbar zu sein“ sind es vier ehemalige Schiffe der DDR-Hochseefischerei, die zu Zeitzeugen werden. Sie tragen Rost, Narben und Erinnerungen – und mit ihnen Geschichten von Aufbruch, Verlust und erstaunlichen Neuanfängen.
Über den Film
Originaltitel
Vom Traum unsinkbar zu sein
Deutscher Titel
Vom Traum unsinkbar zu sein
Produktionsland
DEU
Filmdauer
87 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Wiebke Possehl
Regisseur
Tom Fröhlich
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
08.01.1972
Die einst stolze Flotte des VEB Fischkombinats der DDR verschwand nach der Wiedervereinigung beinahe vollständig. Verschrottet, verkauft oder umgebaut, wurden die Schiffe über die ganze Welt verteilt. Der Dokumentarfilmer Tom Fröhlich spürt vier von ihnen auf: Eines fährt als „Nida“ unter litauischer Flagge noch immer zum Fischfang im Nordmeer, ein anderes, die „Stubnitz“, wurde zum schwimmenden Kulturzentrum in Hamburg. Die „Seefuchs“ hat eine besonders spannende Geschichte: Der Fischkutter war nach der Wende lange Jahre im Privatbesitz eines Rügener Ingenieurs und seiner Freunde, die zeitweilig darauf lebten und es u. a. zu Forschungszwecken und für geförderte Projekte nutzten. Ab 2017 gehörte es der Sea Eye, einer NGO, und war als Rettungsschiff für in Seenot geratene Flüchtlingsboote im Einsatz. Nach einer kurzen Periode als Ausbildungsschiff wurde es weiterverkauft und schließlich als Schmugglerschiff mit einer riesigen Ladung Haschisch im Laderaum aufgebracht. Es liegt in Huelva, Spanien – sein weiteres Schicksal ist ungewiss. Ein weiteres Schiff, die „Blauwal“, ebenfalls ein Fischkutter endet zur Verschrottung auf einer dänischen Abwrackwerft – es wurde nach der Wende von seinem Kapitän übernommen und war bis 2023 zum Fischfang im Einsatz.
Aus diesen vier sehr unterschiedlichen Schiffsgeschichten, die sehr abwechslungsreich zusammengestellt wurden, entsteht ein klug komponiertes Mosaik über Wandel und Identität – eine Dokumentation, die eng mit der Vergangenheit der Menschen verknüpft ist, die auf den Schiffen gearbeitet und gelebt haben. Die Schiffe wurden für sie zur Heimat, das Leben an Bord hat sie geprägt – bis heute. Tom Fröhlich gibt ihnen die Zeit, von sich selbst und ihrem Alltag zu erzählen. Die notwendigen Kommentare und Erklärungen, manchmal ziemlich witzig im Stil eines altertümlichen Diavortrags, übernimmt Charly Hübner, der sehr gelungen mal im Stil eines strammen DDR-Fernsehkommentators erzählt oder als knorriger Seefahrer, immer ruhig und mit einem leicht melancholischen Unterton.
Beeindruckend ist auch die Bildgestaltung. Aber Achtung: Sensible Gemüter könnten im Kino vielleicht sogar seekrank werden – es gibt wunderbare Aufnahmen von Schiffen auf hoher See und im Sturm. Die Kamera betrachtet Stahl, Rost, Maschinen und Wasser mit derselben Aufmerksamkeit wie die Gesichter der Menschen, die mit den Schiffen verbunden sind. Mal schwingt sie im rauen Seegang mit, mal verharrt sie in stillen Maschinenräumen, deren Formen einen abstrakten Charme entwickeln, vor allem natürlich für Landratten. Auf jeden Fall entwickelt der Film eine starke visuelle Kraft, ohne sich in spektakulären Effekten zu verlieren.
Fröhlich verzichtet weitgehend auf die Nennung von Namen und auf vertiefende Erklärungen in Gestalt von Inserts. Das verlangt Aufmerksamkeit, eröffnet dem Publikum aber die Freiheit, Zusammenhänge selbst herzustellen. Die Schiffe werden dabei nie romantisch verklärt. Das schaffen sie von ganz alleine. Sie stehen gleichermaßen für technische Meisterschaft, harte Arbeitsbedingungen und das Ende einer Ära.
„Vom Traum, unsinkbar zu sein“ erzählt meist vollkommen unpathetisch von Heimat, vom Wert gemeinsamer Erinnerungen und davon, wie Geschichte in Sachen und Dingen weiterlebt, wenn ihre Besitzer und Nutzer längst andere Wege gegangen sind. Ein visuell eindrucksvoller und inhaltlich durchaus berührender Film – nicht nur für Fans von Meer, Wind, Wellen und Seefahrt –, der den Blick auf ein nicht nur ziemlich unbekanntes, sondern auch fast vergessenes Kapitel deutscher Zeitgeschichte richtet, umrahmt von einem Shanty-Chor, bestehend aus ehemaligen Seeleuten, der erst am Ende zu singen beginnt.
Gaby Sikorski







