Was an Empfindsamkeit bleibt

14 Jahre, nachdem sie als Teenagerin fast von einem Mitschüler ermordet wurde, hat Daniela Magnani Hüller einen Film über die Tat, ihren Vorlauf und die Folgen gedreht. Viele Fragen stellt „Was an Empfindsamkeit bleibt“, an die Gesellschaft und die Verantwortung des Einzelnen und gibt unbequeme Antworten.

 

Über den Film

Originaltitel

Was an Empfindsamkeit bleibt

Deutscher Titel

Was an Empfindsamkeit bleibt

Produktionsland

DE

Filmdauer

91 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Birgit Schulz

Regisseur

Daniela Magnani Hüller

Verleih

Real Fiction

Starttermin

14.05.2026

 

An einer Bushaltestelle überfiel er sie, ein Mitschüler, der schon länger eine ungesunde Faszination für sie hatte, sie im Unterricht fortwährend anstarrte, der eine Zurückweisung nicht ertrug und schließlich mit dem Messer auf sie einstach. Nur knapp überlebte Daniela Magnani Hüller als 16jährige den Mordversuch, beendete ein paar Jahre später die Schule, ging für ein Jahr nach Brasilien, studierte Film und hat nun den autobiographischen, essayistischen Dokumentarfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“ über die Ereignisse gedreht, der im Frühjahr im Forum der Berlinale gezeigt wurde.

Etliche der damals beteiligten hat Hüller vor die Kamera geholt, eine ermittelnde Polizistin, ihre damalige Klassenlehrerin, eine Mitschülerin, einen Arzt im Krankenhaus, in das sie eingeliefert wurde, den Staatsanwalt. Völlig außen vor bleibt der Täter, an dessen Schuld es keinen Zweifel gibt, für dessen Tat es keine Entschuldigung geben kann, auch wenn gerade bei dieser Art von Tat, die viel zu oft verbrämt als „Beziehungstat“ bezeichnet wird, oft nach Erklärungen und Entschuldigungen gesucht wird.

Selbst Hüllers Mutter bemerkte vor der Tat, als die Tochter ihr von dem unangenehm starrenden Mitschüler berichtete, dass sie sich doch nicht so hübsch anziehen soll, ohne zu merken, dass sie damit die Strukturen repliziert, die zu einer Tat wie dieser führen. Die inzwischen oft als Femizid bezeichnet wird, keine juristische, sondern eine moralische Kategorie, die einen Mord bezeichnet, der an einer Frau nur deswegen verübt wird, weil sie eine Frau ist.

Mit erstaunlicher Ruhe und Distanz, so als würde sie gar nicht selber im Mittelpunkt stehen, sondern eine andere Person beschreiben, hat Hüller ihren Film aufgebaut. Sie konfrontiert die Beteiligten zwar mit deren tatsächlichen oder scheinbaren Versäumnissen, lässt ihnen aber auch Raum zu Erklärungen, in denen die in einer freien, offenen Gesellschaft kaum zu vermeidenden Lücken schmerzhaft deutlich werden. Die ehemalige Klassenlehrerin sinniert etwa über mögliche Versäumnisse, fragt sich, ob sie den Schüler nicht dazu hätte auffordern sollen, sich nicht ständig nach Hüller umzudrehen und sie anzustarren. Doch immerhin war er ruhig und störte nicht den Unterricht, daher ließ sie ihn gewähren.

Auch die Polizisten erklärt für den Unbeteiligten objektiv nachvollziehbar, für eine Betroffene sicherlich schwer zu ertragen, warum der Staat bei einer abstrakten Bedrohung kaum tätig wird: Solange nichts Konkretes passiert ist, sind dem Staat die Hände gebunden und wenn etwas passiert, ist es dann oft zu spät.

Auch vor Gericht sieht die Strafgesetzordnung zwingend die Aussage des Opfers, bzw. des Geschädigten, wie es im Juristendeutsch heißt, vor, jeglicher möglicher Re-Traumatisierung zum Trotz. Auch diese objektiv nachvollziehbar, subjektiv schwierig zu verstehen.

Doch gerade das Hüller all dies Aspekte nebeneinanderstehen lässt, die Beteiligten, vielleicht auch die Mitschuldigen nicht plakativ verurteilt, sondern ihr Verhalten im Kontext einer Gesellschaft betrachtet, in der Stalking allzu oft als nicht mehr als lästige Aufmerksamkeit gesehen wird, macht „Was an Empfindsamkeit bleibt“ zu so einem eindringlichen Film.

 

Michael Meyns

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