Menschen, die als Hobby Vögel beobachten gelten oft als etwas seltsam, Vogelgucker wird das Hobby auf Deutsch genannt, das englische Birder wirkt da schon etwas anspruchsvoller. Zumindest anfangs können auch Ulrike Franke und Michael Loeken in ihrem den Vögeln und ihren Beobachtern gewidmeten Dokumentarfilm „Watching People Watching Birds“ das Klischee nicht entkräften, dann aber tritt der aktuell wohl berühmteste Birder der Welt auf: Jonathan Franzen.
Über den Film
Originaltitel
Watching People Watching Birds
Deutscher Titel
Watching People Watching Birds
Produktionsland
DEU
Filmdauer
96 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Michael Loeken
Verleih
Real Fiction
Starttermin
01.10.2026
Für Außenstehende muten Hobbys oft seltsam an, egal ob es sich um das Sammeln von diesem oder jenem Kleinkram handelt, dem Aufbau einer riesigen Modelleisenbahn oder dem Beobachten von an sich banalen Dingen wie Flugzeugen, Lokomotiven oder eben Vögeln. In Großbritannien ist das Birdwatching eine beliebte Freizeitbeschäftigung, doch auch in Deutschland streifen immer mehr Menschen als Hobby-Ornothilogen durch die Felder, gerne mit teurer Funktionskleidung ausstaffiert, ein exzellentes Fernglas vor dem Auge, einen dicken Vogelführer in der Hand.
„Ich mag besonders Möwen“ gesteht einer der diversen Vogelbeobachter, die Ulrike Franke und Michael Loeken in ihrem Dokumentarfilm „Watching People Watching Birds“ porträtieren, im Hintergrund sieht man die Schlote des Ruhrgebiets, die früher den Himmel verdüsterten und den Vögeln (und anderen Tieren) das Leben schwer machten. Fast schon betont langweilig mutet es an, wie dieser Mann sein Teleskop ausrichtet und nach Möwen Ausschau hält, fast ironisch ein Paar, das sich über das gemeinsame Hobby gefunden zu haben scheint und so immerhin ein Thema hat, das immer neuen Stoff für Gespräche liefert.
Bevor sich nun aber der Eindruck einstellt, dass die Regisseure einen Film im Stile Ulreich Seidls im Sinne haben, sich also über seltsame Freizeitbeschäftigung lustig machen wollen, entwickelt sich „Watching People Watching Birds“ vom reinen Dokumentarfilm zu einem essayistischen Werk, das in seinen besten, interessantesten Momenten vom komplizierten, symbiotischen Verhältnis der Menschen zu den Vögeln erzählt.
Fast aus dem Nichts sind da auf einmal schwarzweiß Bilder aus dem China der späten 50er Jahre zu sehen, als Mao Zedong in all seiner Weisheit postulierte, dass Spatzen mitverantwortlich für Krankheiten seien. Die Lösung bestand nun darin, so viel Lärm zu machen, dass die Spatzen nicht landen und sich ausruhen konnten, sondern bald tot vom Himmel fielen – und zwar in Massen. Zwei Milliarden (!) Spatzen sollen dem absurden Exzess zum Opfer gefallen sein, der unvorhergesehene Folgen hatte: Da so viele Vögel fehlten, konnte sich Ungeziefer ungestört verbreiten, was eine Heuschreckenpest zur Folge hatte, was zu der Hungersnot beitrug, die dutzende Millionen Chinesen das Leben kostete.
Eine düstere Geschichte, die ganz der Weltsicht des amerikanischen Romanciers Jonathan Franzen entsprechen dürfte, dessen pessimistische Ansichten über die Menschen den Autor der „Korrekturen“ jedoch nicht daran hindert, sich beim Vogelbeobachten an kleinen Entdeckungen zu freuen. Besonders die Kalifornische Grundammer hat es Franzen angetan, mehrfach tauchte der Vogel schon in Romanen und anderen Werken des Autors auf, in denen oft von der Bedeutung der Vögel für den Kreislauf des Lebens und damit auch für das Überleben des Menschen die Rede ist. Auch wenn die Menschheit einst ausgestorben sein wird, ist Franzen überzeugt, wird es noch Vögel geben.
So weit ist es zwar noch nicht, welche Artenvielfalt in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen ist und praktisch täglich weiter verloren geht, können ältere Vogelbeobachter anekdotisch bestätigen und wird in der Mitte des Films in einer eindrücklichen Sequenz angedeutet: Eine ellenlange Liste von bereits ausgestorbenen oder gefährdeten Vogelarten rollt da über die Leinwand, dem Laien unbekannte Arten wie der Gelbkopf-Kleidervogel, der Eskimo-Brachvogel oder der Balearenstrurmtaucher finden sich hier, blumige, mysteriöse Namen, die neugierig machen und am Ende das anfangs so merkwürdig wirkende Hobby der Vogelbeobachtung, als spannende Entdeckungsreise in unbekannte Welten zeigt.
Michael Meyns







