Wer weiß schon, was ein Leben ist?

Im Bewusstsein der Öffentlichkeit gibt es nur wenige Frauen, die als Malerinnen eine gewisse Bekanntheit haben. Zu ihnen gehört Paula Modersohn-Becker, die in den letzten Jahren nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Filmheldin entdeckt wurde. „Paula – Mein Leben soll ein Fest sein“ von Christian Schwochow zeigt sie, gespielt von Carla Juri, als lebensfrohe und leidenschaftliche Frau, die von Unabhängigkeit träumt.
Annelie Boroş hat über das kurze, tragische Leben der Künstlerin – ebenfalls mit einem Zitat von ihr als Titel – einen hybriden Dokumentarfilm geschaffen, in dem sie sich ihr auf durchaus originelle Weise nähert.

 

Über den Film

Originaltitel

Wer weiß schon, was ein Leben ist?

Deutscher Titel

Wer weiß schon, was ein Leben ist?

Produktionsland

DEU

Filmdauer

95 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Annelie Boros

Verleih

W-FILM Distribution

Starttermin

03.09.2026

 

Wie erzählt man von einer Frau, deren Leben so kurz war – sie wurde nur 31 Jahre alt –, deren Werk zu Lebzeiten kaum Anerkennung fand und deren Selbstverständnis als Künstlerin den gesellschaftlichen Möglichkeiten ihrer Zeit weit voraus war? Annelie Boroş und Vera Brückner wählen dafür eine kluge Mischform aus Dokumentation, Spielfilm und Selbstreflexion. Statt Paula lediglich einfach nachzuspielen, zeigen sie zunächst die Schauspielerin Katharina Stark bei der Annäherung an ihre Rolle – in einem gestellten Castinggespräch, mit dem sie sich scheinbar für die Rolle bewirbt. Daraus entwickelt sich eine Spurensuche zwischen Worpswede, Bremen und Paris – und zugleich die Frage, was wir überhaupt wissen können über ein Leben, das mehr als hundert Jahre zurückliegt.

 

Das ist weit interessanter als ein konventionelles Künstlerinnenporträt. Katharina Stark versucht, sich über die Recherchen zu Paulas Leben ihrer Rolle zu nähern. Sie liest, fragt nach, besucht die Orte, wo sie gelebt und gemalt hat, unterbrochen von Begegnungen mit meist weiblichen Kunstexperten, Kuratoren und Biografen und von Spielszenen, in denen sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen spricht. Immer wieder kippt die Recherche ins Spiel: Enno Trebs spielt Otto Modersohn, Dominique Devenport ihre Künstlerkollegin und beste Freundin Clara Westhoff, Merlin Rose wird zu Rainer Maria Rilke. Der Film behauptet jedoch nie, damit die historische Wahrheit gefunden zu haben. Im Gegenteil: Er macht die Unsicherheit zum Prinzip. Was war Liebe, was Abhängigkeit, was Freundschaft, was Projektion? Und wie viel Gegenwart steckt zwangsläufig in unserem Blick auf eine Frau von 1900? Wie können uns die Ansichten und Erfahrungen von heute dabei helfen, die Bedingungen von damals zu verstehen, unter denen Frauen versucht haben, unabhängig von Männern als Künstlerinnen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 

 

Durch diese Vorgehensweise rückt Paula selbst erstaunlich nah. Nicht als präfeministische Heldin mit Heiligenschein, sondern als eigensinnige, ehrgeizige Künstlerin, die arbeiten wollte und dafür Freiräume brauchte, die Frauen seinerzeit nicht zugestanden wurden – und die im Übrigen auch heute immer noch nicht selbstverständlich sind. Der Film erinnert an die unzureichenden Ausbildungsmöglichkeiten für Künstlerinnen, an die teils vernichtende zeitgenössische Kritik und an die finanzielle Abhängigkeit bis hin zur Geldnot, gegen die Paula immer wieder anmalte und deretwegen sie vermutlich geheiratet hat. Auf diese Weise entging sie der Notwendigkeit, sich einen Job zu suchen. 

 

Der Film zeigt viele von Paulas Bildern. Kinder, Mütter, alte Frauen, arme Menschen: In ihren Bildern verweigert sie jede Form von Gartenlauben-Ästhetik, die damals als weiblich angemessen galt. Paulas Werke waren beeinflusst von den knalligen Farben und von den vereinfachten Formen des Spät-Impressionismus auf der Schwelle zur Moderne. Manches erinnert an Gauguin oder Cézanne. Diese Direktheit verbindet der Film mit ihrer Biografie und zeigt, wie radikal ihr Anspruch war, den eigenen Blick ernst zu nehmen und sich nicht davon abbringen zu lassen.

 

Katharina Stark begegnet Paula mit einer Mischung aus Neugier, Hartnäckigkeit und spielerischer Offenheit. Ihre Suche nach der wahren Paula wird nicht zur Schauspielübung, sondern sie ist das bewegliche Zentrum eines Films, der ständig zwischen damals und heute wechselt. Das kann gelegentlich etwas erklärfreudig oder auch etwas verkrampft wirken, vor allem wenn mehrere Deutungsebenen dicht aufeinander folgen. Doch gerade diese Reibung zwischen Fakten, Vermutungen und Inszenierung schützt das Biopic vor jeder Form einer platten Ikonisierung – Paula Modersohn-Becker war sicherlich weder Feministin noch Heilige, sondern eine Frau, die in einer Zeit des großen gesellschaftlichen und kulturellen Umbruchs lebte und versucht hat, für sich das Beste daraus zu machen und sich als Künstlerin zu behaupten. So ist ein lebendiges Porträt entstanden, das auf mehreren Ebenen und manchmal sogar witzig (teils mit eingeblendetem Newsflash) über Kunst, weibliche Selbstbestimmung und die Schwierigkeiten erzählt, die sie überwinden musste, um als Malerin ernst genommen zu werden. Das ist ihr zu Lebzeiten nicht gelungen.

 

Wenn Paula Modersohn-Beckers Bilder heute im Museum hängen, wird dadurch nicht die Frage beantwortet, was für ein Mensch, was für eine Art von Frau sie war. Genau so wenig wie bei Bildern von Männern. – Aber ist das überhaupt notwendig? Auch mit dieser Frage beschäftigt sich dieser Film, der scheinbar spielerisch und ziemlich effektvoll – ähnlich wie Paulas Bilder – letztlich auch die interessante Frage stellt, ob es einen „weiblichen Blick“ auf die Welt gibt.

 

 

Gaby Sikorski

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