Wie Luft zum Atmen

Aus dem digitalen "Delicatessen"-Programm:
Die Weltnachrichten vermelden Georgien als Krisenzone mit korrupten Politikern, Bürgerkrieg und russischen Territorial-Tricksereien. Die schöne Dokumentation "Wie Luft zum Atmen" kehrt diesen Klischees einer oberflächlichen Medienwelt den Rücken zu und lässt Menschen aus Georgien zu Wort kommen. Genauer gesagt: Er lässt sie singen, denn trotz oder wegen aller Fährnisse brauchen Georgier Musik "wie Luft zum Atmen".

Webseite: www.delicatessen.org

BRD 2005
Regie und Buch: Ruth Olshan
Darsteller: Tutarchela Frauenchor, Patara Georgika Kinder Tanz- und Gesangsensemble, Lashari Männerchor, The Shin, Zaza Koriuteli, Pilpani Chor, Pirzhelani Chor, Familie Lejava, Sergo Kamalov, Mukuj Kazarian, Didi Georgika Männerchor, Aleko Khizanishvili, Khvicha Khvtisiashvili, Aleksandre Matreveli, Gogite Maglakelidze
Länge: 90 Min. OmU
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 19.10.2006

PRESSESTIMMEN:

Dokumentarfilm, der die vielfältigen und noch immer lebendigen Formen der georgischen Volksmusik vorstellt und ihre Bedeutung im täglichen Überlebenskampf akzentuiert. Da Tradition und die Bedürftigkeiten des verarmten Landes weitgehend getrennt voneinander behandelt werden, erfüllt der stilvoll fotografierte Film vor allem eine ethnologische Funktion.
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FILMKRITIK:

Es ist ein kleines Land zwischen Asien und Europa, im Kaukasus, am Schwarzen Meer. Von hier kam der "große Georgier" Stalin und der ehemalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnaze. Schätzungsweise leben über 50% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Und sonst? Sonst gibt es hier schon in der Schule 5-6 Stunden Musik pro Woche, unzählige Chöre und Orchester.

Am Anfang stöhnt es im Off verkatert von der letzten durchgefeierten Nacht. Dann bricht der Männerchor auf, um überall im Land Spuren einer Jahrhunderte alten, oralen überlieferten Sangestradition zu erlauschen und in die eigene Musik einzubinden. Um neue Lieder zu erfinden, sei das Wesen der Musik viel zu kompliziert. Dazwischen erleben wir, wie Kinder, die eigentlich für Popmusik schwärmen, in einer Tanzschule ein eigenes kulturell-nationales Selbstwertgefühl entdecken. Und am Rande verlassener Industrietrümmer treffen sich junge Frauen zu einer Chorgruppe, die mit schillernden Klängen und packenden Rhythmen begeistern.

Die Georgische Volksmusik wurde von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Sie zeichnet sich durch eine polyphone Stimmführung des Chorgesangs und die rhythmische Komplexität der Lieder aus. Die Harmonik basiert auf einem seit dem Mittelalter mündlich überlieferten, eigenen Tonlagensystem, das anders und mehr als 300 Jahre früher als in Europa notiert wurde. Die Lieder enthalten Texte, die vermutlich aus altsumerischen Sprachen entwickelt wurden. Verschiedene Regionen Georgiens haben jeweils besondere Spielweisen und Tanztraditionen herausgebildet.

Die Reise der Musiker, die kleinen Porträts alter und junger Menschen gibt eine Ahnung von der landesweiten Sangesbegeisterung. Ein besonderes Augenmerk gibt Ruth Olshan ihren Frauen: "Ohne Musik", so erzählt eine junge Frau, "würde ich durchdrehen". Nur am Rande taucht die wirtschaftlich dramatische Situation auf. Wenn etwa diese Frau erzählt, nur bei ihren Sängerinnen kann sie sich von den Jobs, dem Mann, dem Leben erholen. Straßenszenen im Hintergrund lassen einen dramatischen Verfall selbst in der Hauptstadt Tiflis erahnen. Doch hauptsächlich geht es um die Lieder der Georgier. Das kann man doch nicht machen, man kann doch die sozioökonomischen Fakten nicht ausblenden. Doch, man kann und gibt der Filmlandschaft so ein Gegengewicht zu den arg simplen Tagesschau-Klischees der Welt. Mit Anklängen an "Rhythm is it" und andere populäre Musikdokus könnte "Wie Luft zum Atmen" ein "Hit" für musikbegeisterte Weltreisende im Arthaus-Kino werden.

Günter H. Jekubzik